Fack ju, „Fack ju Göhte“.

Über sechs Millionen KinobesucherInnen, Einnahmen von deutlich über 40 Millionen Euro, durchweg positive Rückmeldung aus den Reihen des deutschen Feuilletons – Bora Dağtekins Fack ju Göhte begeistert Deutschland. Wo Daniel Kothenschulte in der Frankfurter Rundschau „befreiend-anarchisches Unterhaltungskino“ wie in „besten Zeiten“empfiehlt, sieht Caspar Busse von der Süddeutschen gar die „Rett[ung] d[er] gesamte[n] deutsche[n] Filmbranche“.

Warum? Handlung und Erzählweise des Films sind weder übermäßig spannend, noch innovativ. Das stellt an sich noch kein Problem dar, da es sich offensichtlich um eine Komödie handeln soll. Aber auch die genrespezifischen Mittel, die der Komödie zum Erfolg verhelfen sollen, sind zuallererst einfach: Überzeichnete Charaktere, die sich auf Stereotype beziehen, Brutalität und ein wenig Slapstick. Grobe Kenntnis von Handlung und Charakteren wird im Folgenden vorausgesetzt. Aus welchem Grund aber ist die Begeisterung von Kinopublikum und Kritik – überraschenderweise – so enorm?

Fack ju Göhte zeigt das Zusammentreffen eines Kleinkriminellen, der unabsichtlich zum Lehrer wird, mit einer vom Rest der Schule längst abgeschriebenen Klasse, der er zur Verwunderung aller Herr wird. Er schafft es, die Kids auf Linie zu bringen und kann ihnen vermitteln, was im Leben wichtig ist und wofür es sich zu lernen lohnt. Seine Methoden unterscheiden sich von denen anderer, herkömmlicher Lehrkräfte vorallem durch anfängliches Desinteresse, nicht vorhandene pädagogische Motivation, sprachliche und allgemeine Rohheit, die mit der der SchülerInnen zumindest gleichzieht und körperliche Gewalt. Dazu mischt sich eine alles andere als überraschend verlaufende Liebesgeschichte, die sich nahtlos in die ewige Tradition der Stories von Machos, die auf Frauen treffen, die von ihnen – und damit der Masse des Publikums – als zunächst unattraktiv, im Verlauf aber immer interessanter wahrgenommen werden, was in gegenseitiger Liebe gipfelt, die die beiden Personen dazu bringt, sich gegenseitig ein wenig anzupassen. Diese hat allerdings mit dem wichtigsten Aspekt des Films und seiner Charaktere, dem Aspekt, der Deutschland in kollektives Jubeln versetzt, nur bedingt zu tun. Moritz von Uslar in der Zeit kommt beim Versuch, diesen Aspekt zu fassen, zu folgender Formulierung:

[…] natürlich, die Wucht, die Härte, der Bums, die absolute Zeitgemäßheit und Gegenwärtigkeit der Sprache.

Die Sprache von Fack ju Göhte, die Tatsache, dass diese Sprache die nicht nur der Abgehängten, der SchülerInnen der Klasse 10b, sondern auch die des Protagonisten, ihres vom Zufall gebrachten neuen Lehrers Zeki Müller, ist, sorgt für Freude, Heiterkeit und will laut Zeit

beim Zuschauer mit der denkbar brachialsten Sprache um Vertrauen werben.

Die identifizierte „Botschaft an den jugendlichen Zuschauer“ (ebd.):

Wir kennen dich. Wir wissen, wie du und deine Freunde miteinander reden,
und wir sprechen dieselbe Sprache. Also lehn dich zurück, und genieß diesen Film.“

Zum Ausdruck kommt die Vorstellung, Fack ju Göhte begebe sich in die Welt einer offensichtlich völlig verdorbenen Jugend, die sich erst verstanden fühlt und Vertrauen fasst, wenn Sätze wie

Halt’s Maul. Und fick ’ne Nutte für mich mit.

„Heb dir das Gelutsche für die Kundschaft auf. Wo ist die Kohle?“

„Geh putzen, und danach kannst du mir einen blasen.“

oder

Friss nicht so viel. Oder willst du als Jungfrau sterben?

(in Richtung einer einzelnen Schülerin) im selben Atemzug wie

Ihr seid Abschaum. Und jetzt Fresse halten und sitzen bleiben, bis es vorbei ist.

(an die ganze Klasse gerichtet) fallen. Die Begeisterung über die im Film dargestellte Ausdrucksweise bricht sich im Feuilleton Bahn:

[…] grobes, derbes, plastisches, wunderbar falsches Deutsch, das aber auf Anhieb einleuchtet und richtig klingt: Kiezdeutsch, cooles Deutsch, Locker-Deutsch,
Asi-Deutsch, Multikulti-Deutsch, Balkan-Deutsch, kreolisches Deutsch.

[…] verbale Grobheiten immer wieder als Tusch und Fanfare einzusetzen.

Es ist, Entschuldigung, großes Kino, dass Chantal „Geisterkranker“, nicht „Geisteskranker“ sagt […]

Zeit, ebd. Moritz von Uslar schließt seine Gedanken zum Sprachniveau des Films mit nicht weniger tragenden Worten als

so unergründlich falsch und rätselhaft schön sprechen deutsche Jugendliche.

Pathetisch bringt er zum Ausdruck, was 6 Millionen deutschen ZuschauerInnen ein wohliges Gefühl verschafft: Die im Film propagierte Angleichung tradierter Gegensätze und unterschiedlicher Rollenbilder in der Gesellschaft am Paradebeispiel Lehrer – Schüler. In offensiver Abgrenzung von überalteten Vorstellungen von LehrerInnen, die in der Rolle der jungen Referendarin Lisi Schnabelstedt ermüdend übertrieben dargestellt werden, gelingt  Zeki Müller allein auf Basis seines Sprachniveaus, das dem von Moritz von Uslar so angenehmen in nichts nachsteht, quasi unabsichtlich, was diesen stets verwehrt war: Die Schaffung von Zugang zu und Kommunikation auf Augenhöhe mit jungen Menschen, deren Stand in der Gesellschaft kein besonders guter zu werden verspricht. Symbolisch für die Ablösung des alten Wegs steht für den Teil des Publikums, dem Lisi Schnabelstedt noch nicht deutlich genug ist, die vormalige Lehrerin der Klasse 10b, Ingrid Leimbach-Knorr, deren Unfähigkeit, mit der Jugend umzugehen, sie zum versuchten Suizid durch Sprung aus dem Fenster eines Klassenzimmers verleitet. Allein Zeki Müller, der keine Gelegenheit auslässt, seine Schüler „Spast“ oder „Wichser“ zu nennen, erreicht diese und erlangt Respekt. Neben fragwürdigen Ansichten zum Thema pädagogische Gewalt, vermittelt in Form von Eltern, die sich dankbar zeigen, wenn ihre Kinder endlich mal eins hinter die Löffel kriegen und schon allein durch absolute Unreflektiertheit absolut satirefernem Sexismus, der sowohl im Verhalten Zeki Müllers als auch in den Reaktionen anderer Akteure, besonders der erwähnten Lisi Schnabelstedt, die der Anblick von Zekis entblößtem Oberkörper alle vorhergegangene Abneigung vergessen macht, angelegt ist, wird vorallem eine Botschaft transportiert:

Unabhängig von Rohheit und Bildungsferne können alle „etwas aus sich machen“. Als keineswegs schön, sondern vielmehr hochproblematisch entpuppt sich diese Botschaft bei der Analyse der Beschaffenheit dieses „etwas aus sich machens“, das in keinem Zusammenhang mit Bildung oder menschlicher Weiterentwicklung steht, sondern sich einzig und allein um die Erkenntnis dreht, dass es wichtig ist, sich in der Schule Mühe zu geben, wenn man nicht als „Abschaum“ (Zeki Müller) enden will. Deutlich gemacht wird die Wichtigkeit dieser Tatsache den SchülerInnen durch einen Klassenausflug, der entgegen ihrer Befürchtungen „nicht schon wieder ins KZ“ (Danger), sondern zu menschlichen Beispielen für abzulehnende Lebensweisen, führt. Diese sind ein Junkie, der röchelnd und kotzend auf einer dreckigen Matratze liegt, ein Nazi, der mittags noch schläft, weil er nicht arbeitet, sondern nur viel Bier trinkt und zwei Hartz4-Empfänger, die ebenfalls vormittags Dosenbier trinken und sich nicht im Ansatz dafür interessieren, dass ihr Hund vor versammelter Klasse auf den Teppich kackt. Zeki befreit die SchülerInnen quasi nebenbei von der längst obsoleten Beschäftigung mit den historischen Auswüchsen der deutschen Gesellschaft – KZ-Besuch (Sinn und Unsinn von Klassenausflügen in Gedenkstätten sei hier dahingestellt – vgl. Broder – Vergesst Auschwitz!) – und zeigt ihnen stattdessen etwas, das für sie relevant ist: Die unliebsamen Elemente der deutschen Arbeitsgesellschaft, deren bloßer Anblick ausreicht, um die Klasse zu schockieren und zu motivieren. Die SchülerInnen danken es ihm durch gesteigertes Interesse an ihrer Zukunft, verbildlicht in teuren Autos und Ähnlichem. Dass Chantal ihn noch wenig vorher bei absolutem geschichtlichen Desinteresse als „Faschist“ beschimpft hat, stellt nur ein Beispiel mehr dafür dar, dass die Benutzung von Worten völlig abgekoppelt von deren Bedeutung in Fack ju Göhte mehr als standartisiert ist.

Die Entwicklung der SchülerInnen kommt schließlich zum Höhepunkt, als Zeki Müller den altmodischen Lehrer der schulischen Theater-AG, dessen beleidigtes Abtreten lächerlich überzeichnet ist und deutlich macht, dass dessen Vorstellung von Kunst und Kultur mehr als überkommen ist, ablöst und mit seiner Klasse Romeo und Julia inszeniert. Zur großen Freude sowohl der SchülerInnen, als auch sämtlicher Lehrkräfte und anderer ZuschauerInnen wird hierbei – wie sollte es anders sein – kein Wert mehr auf die unnötig gestelzte Sprache Shakespeares gelegt:

Julia, du Fotze, ich will ficken. Zack, Zack. Zeig’ mal Möpse.

Was all die altmodischen LehrerInnen vor Zeki Müller bis zur Aufgabe zermürbt hat, nämlich der Versuch, der verrohten und völlig bildungsfernen Jugend Geistiges zu vermitteln, hält diesen keine Sekunde auf. Instinktiv weiß er, was zu begreifen die anderen nicht in der Lage waren: Für die Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt, die das finale und einzig relevante Ziel der Bearbeitung der Jugend darstellt, spielt unnötiger Geist keine Rolle. Um als verwertbares Element Teil der deutschen Arbeitsgesellschaft zu werden, tut es schlicht nicht Not, Goethes Faust zu durchdenken.

Für diese zentrale, einzige Erkenntnis, die überfällige, offensive Begrüßung der Geistlosigkeit, eingebettet in endlose Massen schlechter Witze, unangenehmer Sprache und sexistischer Rollenbilder und für die Befreiung von unangenehmen historischen Lasten verehrt Deutschland Zeki Müller. Menschen, die sich die Mühe machen, nur ein wenig über die gedankliche Flachheit von Fack ju Göhte hinauszudenken, haben allen Grund, diese Nation, die befreiter noch lacht als über die Feuerzangenbowle von 1944, zu fürchten.

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Ein Gedanke zu “Fack ju, „Fack ju Göhte“.

  1. Peter Reichmuth

    Ich habe den Film gerade in Frankreich im Rahmen eines Filmfestivals gesehen, bin völlig entsetzt – und trauere der schönen deutschen Sprache nach, die so viele Schriftsteller des Exils im Ausland mit ihren Artikeln und Büchern vor der Zerstörung durch die Nazis retten wollten Die Filmkritik von PhBruckmann trifft das Problem genau auf den Kopf. Es ist außerdem schauerlich, wie in diesem Film selbst schlimmste Naziverbrechen brutal ins lächerliche gezogen werden (Mit dem Gewehr vom Balkon aus auf Menschen schießen, Menschen in ein Wasserbecken schubsen und mit Fußtritten Ertrinkende daran hindern herauszukommen, Menschen in den Selbstmord treiben und sich darüber amüsieren,) Dass die Prostitution in Deutschland mittlerweile als völlig normales Lebensmodell angesehen wird, ist ja weltweit bekannt und wird in dem Film als gegebene Kulisse vorausgesetzt.

    Warum bekommt dieses widerliche Machwerk so viel Beifall in Deutschland? Dies ist wirklich furchterregend…Mir war während des ganzen Fims zum Weinen zumute

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