Gaza, das Bedürfnis nach dem „Recht auf Kritik“ und die antisemitische Einheitsfront

Während Demonstrationen, die unter Pro Gaza– und Friedens-Bannern stattfinden und – im Grunde schon auf den ersten Blick erkennbar – nichts anderes zum Wesen haben, als den Protest gegen Israel und seine Existenz im Ganzen, in Deutschlands und Europas Straßen stattfinden und eine Volksfront von linken, rechten und islamistischen Antisemiten durch Parolen wie „Jude, Jude, feiges Schwein […]“ oder „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“ ihr Bedürfnis nach Frieden auf der Welt kundtut, wälzt sich die Mitte der Gesellschaft im ewigen, selbstkonstruierten Narrativ ihres gefährdeten Anspruchs auf gerechtfertigte Israel-Kritik.

Müßig, festzustellen, was dieses Konstrukt gerechtfertigter Kritik im Endeffekt noch immer zum Ziel hatte, müßig, festzustellen, dass die zentrale Forderung deutscher und internationaler gerechtfertigter Kritik, nämlich die nach angemessenem Maß der israelischen Reaktion auf den anhaltenden Terror von Hamas, PIJ und al-Aqsa-Brigaden, eine ist, die jeglichen Bezug zur Realität missen lässt: Wenn IDF & IAF sich wahlweise tatsächlich nicht um zivile Opfer in Gaza scheren, diese begrüßen oder gar einen Genozid verüben wollen würden, hätten sie wesentlich weniger als 26 Tage gebraucht, um den Gaza-Streifen schlicht und einfach dem Erdboden gleich zu machen. Der einzig nachvollziehbare Grund für die Aktivierung von Bodentruppen im Rahmen der Operation Protective Edge, deren Einsatz nichts bewirken kann, was nicht auch die Airforce hätte erreichen können, aber die Gefahr und Realität eigener Gefallener zwingend mit sich bringt, ist der Versuch, ziviles Leben soweit wie möglich zu verschonen. Freilich hindert dieser Zusammenhang das fleißige Heer der empörten Gerechten, maßvollen Kritiker und Antisemiten nicht daran, die Bodenoffensive zur unmenschlichen Intensivierung der Kampfhandlungen zu erklären. Dass israelische Soldaten in Lebensgefahr gebracht werden, um eine Aufgabe auszuführen, deren Legitimität nicht ansatzweise in Zweifel gezogen werden kann – die Zerstörung von Tunneln zwischen Gaza und Israel, die die Durchführung von Terrorangriffen ermöglichen sollen – und die ebensogut, nur weniger rücksichtsvoll, von der Luftwaffe hätte erledigt werden können, ohne eigene Verluste zu riskieren, wird zum Inhalt des Vorwurfs der Maßlosigkeit. Dass währenddessen hunderttausende Tote, die auf das Konto von ISIL, des syrischen Regimes und anderer Terrorgruppen gehen, inklusive des aktuell zu befürchtenden Genozids an der yezidischen Minderheit in Irak und Syrien nicht einmal des Gesprächs wert sind, zwingt wohl oder übel zu der Feststellung, dass all die selbsternannten besorgten Freunde Israels von anderem getrieben werden, als der Sorge um das Schicksal der Bevölkerung von Gaza.

Spätestens seit aber die U.N. Israel „mögliche Kriegsverbrechen“ vorwerfen, die darin bestehen sollen, dass der Raketenabwehrschirm Iron Dome nicht mit Hamas – der Terrororganisation, die der hauptsächliche Gegner in sowohl aktuellen, als auch vergangenen kriegerischen Auseinandersetzungen ist – geteilt wird, ist wohl auch der letzte Rest an Hoffnung auf Logik und vernünftigen Diskurs zunichte gemacht.

Weniger müßig scheint die Betrachtung des antisemitischen Klimas in Deutschland und Europa, das zwar als solches nicht neu ist, in seiner Ausdrucksweise jedoch einen neuen Höhepunkt erreicht hat. Flächendeckend erkennen linke und rechte Judenhasser ideologische Gemeinsamkeiten nicht nur – wie schon im Zuge des mittlerweile wieder abgeflauten Hypes um die Montagsdemos – beieinander, sondern auch mit erstarkenden islamistischen Bewegungen. Linke Antiimperialisten und Neonazis sind zwar mehr oder weniger die letzten, die feststellen, dass ihre ideologischen Konstrukte schon immer aus zumindest ähnlichem Holz geschnitzt waren und wären, ginge es nur darum, ebenso zu belächeln, wie vorher, aber die handfesten Resultate, die die Manifestation der geeinten Volksfront, deren Speerspitze zu bilden sich zudem der radikale Islamismus bereitwillig zur Verfügung stellt, zeitigt, sind alles andere als harmlos und belustigend: Belagerung (Paris) von und Brandbomben-Angriff (Wuppertal) auf Synagogen, körperliche Übergriffe auf Juden (Berlin) und solche, die der Mob für solche hält (München) und der latente bis offene Geruch der Pogromstimmung, der die Aufläufe der „Allahu akbar“ und „From the river to the sea“ skandierenden Menschenmengen umweht, schaffen ein Klima, dessen Gefährlichkeit offensichtlich ist. Der offene oder wie auch immer gekleidete grassierende Antisemitismus der gegenwärtigen Situation ist so greifbar, dass auch unabhängig von entsprechenden Statements die Idee, mit Kippa auf dem Kopf durch Berlin zu laufen, zwangsweise gefährlich anmutet. Die – noch unbeholfenen – Anstalten des Mobs, die zum Erliegen gekommenen Bestrebungen von Deutschlands Großeltern unter dem Banner des Friedens wieder aufzunehmen, sind Grund genug zur Furcht.

Wenn man nun vor diesem Hintergrund, wie das Gros der zivilgesellschaftlichen Stimmen, in erster Linie darauf bedacht ist, sich genannten Anspruch auf gerechtfertigte Israel-Kritik nicht nehmen zu lassen, sollte man sich wenigstens eingestehen, dass man sich längst in den Chor der antisemitischen Internationale eingefügt hat. Andernfalls ist es dringend geboten, die den Kinderschuhen entwachsende Einheitsfront der Barbarei und die hierbei zentrale Rolle des Islamismus zu analysieren und zu benennen. Als Hoffnungsschimmer bleibt die Tatsache, dass Israel als jüdischer Staat und Schutzraum in seinem jetzigen und zukünftigen Bestehen auf das Wohlwollen von deutschen, europäischen, rechten, linken und islamistischen Kritikern weit weniger angewiesen ist, als diesen lieb sein kann.

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