taz: „Sind Juden hier noch sicher?“

Vor dem Hintergrund aktueller Ereignisse fragt die taz nach der Meinung ihrer Leserschaft zu der Frage, ob ‚Juden hier noch sicher‘ sind. Bei der Suche nach einer Antwort auf diese Frage kann hilfreich sein, eine persönliche Perspektive einzunehmen und ersetztend zu fragen: „Könnte ich bedenkenlos angetan mit Kippa oder anderen Symbolen bekennenden Judentums durch die Stadt laufen, in der ich lebe?“ Die Antwort hierauf gibt Aufschluss. Wer sich nicht vorstellen kann, frei von Angstgefühlen und Bedrohung im gesellschaftlichen Klima dieser Tage die gestellte Frage mit „Ja“ zu beantworten, erhält zum einen, wenn Nichtjude, einen minimalen Eindruck von Fragen, denen sich Juden in Deutschland und Europa unfreiwillig konstant ausgesetzt sehen und zum anderen die Antwort auf die weniger persönliche Frage nach der Sicherheit jüdischer Menschen in Deutschland.

Im Rahmen der zahlreichen Pro Gaza- beziehungsweise Anti Israel-Demonstrationen der letzten Wochen bis hin zum al-Quds-Tag, dem aus dem Iran stammenden jährlichen Feier- und Aktionstag gegen die Existenz Israels gab es im Kontext einer Stimmung, die teilweise nicht mit anderen Worten als „Lust aufs Pogrom“ zu beschreiben ist, diverse hervorstechende Ereignisse: Aus einer Demonstration heraus wurde in Berlin ein jüdisches Ehepaar – „identifiziert“ durch Kippa – angegriffen. In München wurden Journalisten, die von der demonstrierenden Menge zu Juden und Zionisten erklärt wurden, bedroht, bis sie sich von der Veranstaltung entfernen mussten. In Wuppertal wurde ein Brandsatz auf eine Synagoge geworfen. Währenddessen skandierten friedensbewegte Pro Gaza-Demonstranten Parolen wie „Jude, Jude, feiges Schwein“, „Kindermörder Israel“, „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“ und „From the river to the sea“. Die Frage, ob das Leben im öffentlichen Raum für jüdische Menschen in Deutschland dieser Tage als „sicher“ zu bezeichnen ist, kann vor diesem Hintergrund kaum ernsthaft und ehrlich mit „Ja“ beantwortet werden. Allerdings ist es notwendig, zu differenzieren. Wer in der Öffentlichkeit nicht als Jude auftritt, also auf eindeutige Erkennungszeichen verzichtet, reduziert die Gefahr, angegriffen zu werden, erheblich. Die Gefährlichkeit der Situation ist latent jederzeit gegenwärtig, der antisemitische Wahn jedoch unorganisiert und spontan im Ausbruch. Anders als in vergangenen Zeiten ist für Jüdinnen und Juden der Staat nicht Teil der Gefahr. Im Gegenteil: Jüdische Einrichtungen, von Synagogen über Gemeindehäuser bis hin zu Kindergärten werden von ihm geschützt. Nicht direkt besteht somit die Gefahr, ganz ohne eigenes Zutun als Jude erkannt und angegangen zu werden.

Allein aber, dass jüdisches Leben in Deutschland – nicht erst im Zuge der aktuellen politischen Entwicklung – nur unter konstant massivem Polizeischutz stattfinden kann, ist aussagekräftig genug und zeigt, dass die gegenwärtigen Ereignisse nicht Ausdruck eines neu entstandenen, sondern fortwährend vorhandenen Antisemitismus in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft sind. Die Tatsache, dass die Frage, ob Deutschland für Jüdinnen und Juden sicher ist, derzeit so offensichtlich angebracht ist, dass sie sich sogar der taz stellt, sollte klar machen, dass dem kaum so sein kann. Deutlich genug haben die letzten Wochen gezeigt, wie wenig das antiisraelische, antizionistische, antisemitische Ressentiment der Mitte der Gesellschaft ebenso wie das ihrer Randgruppen zum einen davor zurückschreckt, sich ständig selbst zu versichern, es sei nicht nur angebracht und richtig, sondern gar notwendig, Israel in Grund und Boden zu kritisieren, wenn man ihm einmal großzügig ein Recht auf Existenz und Selbstverteidigung zugesprochen hat, nur um danach klarzustellen, dass zweiteres Recht nach Möglichkeit keinesfalls zur Anwendung kommen darf und zum anderen nicht bereit ist, zwischen Israel und Juden in der Diaspora, in diesem Fall Deutschland, in irgendeiner Form zu trennen. Dementsprechend trifft dieses „Recht auf Israel-Kritik“, dessen sich die Gesellschaft mittlerweile absolut sicher wähnt, auch jüdische Menschen, die ausschließlich hier leben und mit den Ereignissen im Nahen Osten und Israel rein gar nichts zu tun haben, mit voller Wucht:

„Warum macht Ihr das?“

„Habt Ihr noch nie von Verhältnismäßigkeit gehört?“

„Auge um Auge, Zahn um Zahn? So werdet Ihr nie Frieden haben!“

„Habt Ihr denn gar nichts aus der Shoa gelernt?“

Zu keinem Zeitpunkt ist gewährleistet, nicht wahlweise für irgendein Kriegsverbrechen, das die israelische Armee angeblich begangen hat, oder irgendwelche Aussagen Naftali Bennets zur Rechenschaft gezogen zu werden. In Verbindung mit der unmittelbaren, in der Natur des antisemitischen Ressentiments liegenden emotional aufgeladenen Aggression von Anschuldigungen und Attacken schafft die oftmals unbewusste Identifikation, die zwischen hier lebenden Juden und Israel als Staat hergestellt wird und oftmals dazu führt, dass Menschen nichts anderes tun müssen, als einen David-Stern zu tragen, um als Kriegsverbrecher zu gelten, ein gesellschaftliches Klima, das durchgehend potentiell gefährlich ist. Zudem macht sie es Jüdinnen und Juden quasi unmöglich, dem Konflikt zu entgehen.

Vor diesem Hintergrund allerdings wie Daniel Bax in seinem „Kommentar deutscher Antisemitismus“ (ebenfalls taz) zu fordern, der Zentralrat der Juden in Deutschland solle sich „nicht ganz so rückhaltlos hinter die Politik der israelischen Regierung stellen, wie er das derzeit tut“, ist kein ernsthafter Ansatz zur Lösung, sondern Teil des Problems, das im Endeffekt die Unmöglichkeit, als Mensch jüdischen Glaubens normal und sicher in Deutschland zu leben, ausmacht: Von Juden zu fordern, sich vom jüdischen Staat zu distanzieren, unterstellt, dass diese Einfluss auf antisemitische Ressentiments hätten, ihr „richtiges“ Verhalten diese lindern könne und im Umkehrschluss ihr aktuell „falsches“ Verhalten (Mit-)Grund für die Existenz derselben sei. Zudem tut Bax, als wäre der anti-israelische Wind, der die Stimmung dieser Tage in Deutschland prägt, etwas, das so selbstverständlich, unproblematisch und logisch ist, dass Juden in Deutschland nur weit genug von Israel abrücken müssten, um sich aus der Schusslinie zu ziehen. „Rückhaltlos hinter der Politik Israels“ stehende Menschen, so scheint es, sind selbst schuld.

Desweiteren stellt er fest, „wer auf Demonstrationen gegen Antisemitismus israelische Fahnen mit sich trägt“, gerate in „Verdacht, dass es ihm eher um eine bedingungslose Solidarität mit Israel als mit deutschen Juden geht.“ Hierin liegt schlussendlich der Kern des Problems:

Solange in Deutschland Straßen Demonstrationen stattfinden, deren sowohl offener, als auch halbherzig verdeckter Antisemitismus nicht nur zum Himmel schreit, sondern bei jeder Gelegenheit Anstalten macht, vom Wort zur Tat zu werden und bei der versuchten Analyse dieser Ereignisse Autoren in gesellschaftlich einflussreichen Formaten wie der taz zu keinem anderen Ergebnis kommen, als dass das Zeigen israelischer Flaggen bei Protesten gegen diese Veranstaltungen doch eher unangenehm und wenig hilfreich ist, weil es den unsäglichen Eindruck, ja, Verdacht, erweckt, Menschen wollten tatsächlich „bedingungslose Solidarität mit Israel“ ausdrücken, ist es unmöglich, zu behaupten, das Leben in Deutschland wäre für Jüdinnen und Juden halbwegs sicher.

 

 

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