#myheadmychoice und die begriffslose Beliebigkeit der VICE.

Mein Kopftuch ist meine Identität […]

Wenn ich es abgenommen hätte, wäre es mir so vorgekommen, als würde ich meine Identität oder meine Familie verraten. Das Kopftuch ist ein Teil von mir […]

In Zeiten von critical whiteness und postmodernen gender studies, in denen sich kulturelle Identität und die (Selbst-)Zuordnung zu unterdrückten Kollektiven anschicken, dem Individuum, das sich ohnehin kaum über Wasser halten kann, vollends den Garaus zu machen, ist es wenig verwunderlich, dass solch erschreckende Äußerungen gerade in der Redaktion der VICE nicht geeignet sind, Stirnrunzeln hervorzurufen. Im Gegensatz zur Jungen Union, die »sich selbst nicht einig [ist], warum sie das Burka-Verbot einführen will«, versteht man sich hier als aufgeklärt und antirassistisch, hat kurzum nicht das geringste Problem damit, Frauen und Mädchen, die unter Begründungen wie den oben genannten ernsthafte Anstalten machen, ihr Kopftuch als Ausdruck einer schützenswerten, individuellen Identität zu verkaufen, in der Annahme zu bestärken, Kritiker des- und derselben seien allesamt rassistische Idioten, die noch nicht ganz auf der Höhe der Zeit angekommen wären:

Das (muslimische) Kopftuch wird von vielen immer noch als ein Zeichen der Unterdrückung der Frau gesehen, wobei die Kritiker außer Acht lassen, dass sich gerade viele junge Frauen bewusst und aus ganz individuellen Gründen für das Kopftuch entscheiden.

Sich dem Widerspruch komplett zu verschließen, den es vernunftgemäß darstellen müsste, das Anlegen des weltweit prominentesten Symbols von Misogynie und Entindividualisierung unter Ausblendung sämtlicher gemeinschaftlicher und psychologischer Rahmenbedingungen eiskalt zum Ausdruck einer frei getroffenen Entscheidung anhand »individuelle[r] Gründe« zu stilisieren, gehört dem Gesamttenor entsprechender Beiträge der VICE zu vergleichbaren Themen nach zu urteilen zu den grundlegenden Fingerübungen der dort Schreibenden. Kaum mehr trüben kann die selbstvergewissernde Wirkung des postmodernen Geplappers dementsprechend, dass man ebendiese Frauen und Mädchen damit in bester antirassistischer Manier ohne mit der Wimper zu zucken dem repressiven und mörderischen Kulturkollektiv überantwortet, das der konservative Islam darstellt. Selbstverständlich einig ist man sich in diesem Zusammenhang hinsichtlich der Absurdität »unverständlich[er] Entscheidungen«, die dem Kopftuch als islamischem Herrschaftsinstrument entgegen gesellschaftlicher Tendenzen, die auszudrücken die VICE zweifelsohne in der Lage ist, den Zugang zu staatlichen Institutionen zu verwehren trachten:

Bei einer Kita-Stelle wollten sie mich auch nicht, weil sie meinten, ich sei ein schlechtes Vorbild für die Kinder, obwohl die selbst zu 60 Prozent muslimisch waren.

Trotz der schlechten Gewissheit ihrer letztendlichen Unhaltbarkeit im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Funktion, die zu erfüllen der Islam sich bestens eignet, sind Entscheidungen wie diese gerade in Hinsicht auf Kindertagesstätten, in denen »die Kinder […] selbst zu 60 Prozent muslimisch« sind, von existenzieller Bedeutung. Sie stehen zumindest für eine Ahnung davon, was die auf die Formel Gemeinschaft statt Gesellschaft zu bringende Alternative, also die Annahme, muslimische Kinder wären mit kopftuchtragenden Erzieherinnen bestens bedient, als Konsequenz eines multikulturalistischen »Abschiebungs-Kommunitarismus« bedeutet: Mit immenser Vorbildfunktion behaftete Rollen mit dem Bild der selbstgewählten Entindividualisierung zu besetzen und Menschen von Kindheit an keinen anderen Weg aufzuzeigen als die Schleife, die direkt zurück in Zwangskollektiv und Clan-Wirtschaft führt. Denkt man die unheilige Allianz kopftuchtragender muslimischer Frauen und Mädchen mit der Hipster-Bild als nur eine weitere Form der längst geschehenen Verbrüderung von Lust an der Unlust und postmodernem Antirassismus, der nichts als schützenswerte und unkritisierbare Kollektive kennt, konsequent zu Ende, ohne sich von der vorherrschenden Begriffslosigkeit dumm machen zu lassen, ohne also zu vergessen, dass das Kopftuch auch entgegen der tausendsten entsprechenden Behauptung nie nur »abstraktes Symbol einer friedfertigen Religion« sein kann, sondern immer »konkretes Symbol und Unterdrückungstechnik des konservativ-orthodoxen Islam bzw. Islamismus« ist, bleibt die einzig sinnvolle Schlussfolgerung das konsequente Drängen auf »Maßnahmen, die nicht mehr ausschließlich von der einzelnen Frau oder dem einzelnen moderaten Moslem erwarten, sich gegen die Community zu stellen, sondern […] helfen […] den überholten islamischen Ehrbegriff samt der dazugehörigen Gruppendynamik sowie die Fixierung auf weibliche Jungfräulichkeit [von Grund auf zu zerstören]« (Thomas Maul), kurzum:

Die Forderung nach dem Kopftuchverbot zumindest im schulischen, universitären und institutionellen öffentlichen Raum.