Nein, das ist kein Unterschied.

»[V]on euphorisch bis wütend, stets mit einer großen Portion Feminismus und Nerdigkeit« schreiben auf dem Blog kleinerdrei verschiedene – bekannte und weniger bekannte – Autorinnen und Autoren des deutschen Pop-Feminismus. In der Rubrik kleinergast erschien am 14. September ein Gastbeitrag. Unter dem Titel Dies ist keine Burka äußert eine Miriam, die laut Autorenbeschreibung Absolventin der Berliner Islamwissenschaft ist und als Kulturmanagerin in Saudi-Arabien lebt, ihre Ansichten zu verschiedenen Aspekten, die sie »an der deutschen Kopftuchdebatte nerven«.

1. Hidschab, Niqab, Burqa – Schleier, Schleier, Schleier

Als wäre es nicht völlig gleich, ob der Stoff, mit dem sich konservative Musliminnen verhüllen, blau oder schwarz ist, fühlt sich die Autorin zuvorderst angesichts gravierender Mängel im Kenntnisstand der deutschen Gesamtgesellschaft bezüglich Fragen der islamischen Garderobe gestört. Kaum weiß der durchschnittliche Kopftuch-Debattierende schließlich zwischen HidschabNiqab und Burqa, zwischen Abaya und Tschador zu differenzieren. Inmitten all der Aufregung über solches Unwissen, solchen Mangel an »kulturelle[r] Sensibilität«, der auch »einfach ein bisschen peinlich« ist, erübrigt es sich selbstredend, auch nur ein Wort über den Impetus all dieser verschiedenen Formen der Verschleierung zu verlieren. Einer quasi nebenbei vorgenommenen Übersetzung bleibt es so vorbehalten, auszusprechen, was man als Islamwissenschaftlerin und Absolventin mehrjähriger Arabisch-Kurse ebenso selbstverständlich zu wissen hat, wie man nicht in der Lage ist, es in seiner Bedeutung zu erfassen. Zugleich ist das Gesagte geeignet, mit der Beschwerde darüber, dass das Gros potentieller Gesprächspartner aus naheliegenden Gründen eben nicht Arabisch spricht, ein für alle mal aufzuräumen:

Die Worte Hidschab, Niqab und Burka [sic] kommen aus dem Arabischen und bedeuten alle »Schleier«.

Die Schlussfolgerung aus diesem völlig entbehrlichen Teil des Textes ist denn auch ebenso läppisch wie zutreffend, wobei die Gründe für letzteres andere sind als die, die die Autorin zugrundelegt:

Statt »Burka-Verbot« schlage ich daher vor, von einem »(Voll-)Verschleierungsverbot« oder einem »Gesichtsschleierverbot« zu sprechen.

Tatsächlich wäre der Begriff »Verschleierungsverbot« wohl wesentlich adäquater als der des Burqa-Verbots: Qua Beschränkung auf das nicht mehr zu steigernde Maximum der Verschleierung verkennt letzterer, dass die ideologischen und religiösen Grundlagen weder des Niqab, noch des Tschador oder des Hidschab – des ordinären Kopftuchs – sich maßgeblich von denen der Burqa unterscheiden. Mag die Intention des verschleiernden Kleidungsstücks sich in verschiedener Intensität praktisch manifestieren, so bleibt sie doch stets dieselbe: die »sichtbare Einhegung der Sünde« (Uli Krug). Über ein »Verschleierungsverbot« zu diskutieren, ein Solches zu erstreiten, wäre der Rede vom Burqa-Verbot also tatsächlich vorzuziehen. Unbenommen davon verspricht jedoch die verbreitete, von der Autorin so beklagte, Unkenntnis über all die wichtigen Abstufungen in der Intensität des Kampfes gegen das Individuum, Sorge dafür zu tragen, dass Begrifflichkeiten zweitrangig bleiben. Das weiß auch Miriam:

Die Politiker*innen, die ein »Burka-Verbot« fordern, sagen zwar »Burka«, meinen aber eigentlich irgendeine andere Art (oder alle Arten?!) der Verschleierung.

2. Religionsfreiheit und »Benachteiligung aus religiösen Gründen«

Neben aus derartigen Beiträgen bereits hinlänglich bekannten und dementsprechend erwartbaren argumentativen Nebelkerzen wie der absichtlich begriffslosen Gleichsetzung religiös motivierter Kopfbedeckungen und Ordenstrachten, die »auch in vielen anderen Religionen« vorkommen – dass sie einander deshalb noch lange nicht entsprechen, versteht sich eigentlich von selbst – pocht der zweite Teil des Textes auf »Religionsfreiheit«. Nur auf eines lohnt sich in diesem Zusammenhang hinzuweisen: Dass »das Grundgesetz […] eine Benachteiligung aus religiösen Gründen [verbietet]«, ist, nimmt man diesen Anspruch denn ernst, unmöglich als Argument für die Zulässigkeit welchen Verschleierungsutensils auch immer zu verstehen. Was anderes als ebendiese Benachteiligung aus religiösen Gründen ist es schließlich, das muslimische Mädchen erfahren, deren Eltern sie – gerade aufgrund mangelnder Verhüllung – von der Teilnahme am Sport- oder Schwimmunterricht ausnehmen? Einzig sinnvolle Konsequenz aus der Vorgabe des Grundgesetzes wäre, jene Eltern konsequent an der Benachteiligung der eigenen Kinder aus religiösen Gründen zu hindern. Essentiell wichtig in diesem Zusammenhang: Die Offenhaltung der staatlichen Institution, die die Schule darstellt, als Raum, in dem Kinder Anderes als die religiösen Vorstellungen der Eltern und ihrer Community zumindest kennenzulernen möglich ist. Das Bundesverfassungsgericht hat deutlich gemacht, dass es nicht gewillt ist, das zu tun. Zu überlegen wäre demnach, ob dieser Unwillen, muslimischen Kindern – notfalls an der Weigerung ihrer Eltern vorbei – ungeachtet der Religionszugehörigkeit zu gleichem Recht zu verhelfen, etwas anderes ist als Benachteiligung aus religiösen Gründen.

3. Verschleierungsverbot

Einschlägige Begriffe wie »kulturchauvinistisch« lassen die Auseinandersetzung mit dem Folgenden müßig erscheinen – zu oft schon hat sie stattgefunden. Die Intensität der Abwesenheit jeglicher Vorstellung von universeller Freiheit genauso wie Lust an der Unlust beziehungsweise der dreisten Unwahrheit der Behauptung, die Gründe muslimischer Frauen in Deutschland für das Tragen des Schleiers wären ausschließlich freiwilliger Natur, die die in Saudi-Arabien lebende (!) Islamwissenschaftlerin Miriam offenbart, scheint dennoch alarmierend:

Muslimische Frauen würden unterdrückt oder gezwungen, das Kopftuch zu tragen. Alles Quatsch.

Alles Quatsch. Mit Zwang hat das nichts zu tun. »Diese Sicht entspringt tief verwurzelten Stereotypen«. Interessant wäre, wo der Quatsch denn endet, dem bisher offensichtlich weder entsprechende Berichte diverser (Ex-)Musliminnen, noch – drastischer – Ehrenmorde etwas anhaben konnten.
Tatsächlich Quatsch sind indes die Gründe, die Miriam gegen ein Verbot des Schleiers ins Feld zu führen weiß.

Eine demokratische, sichere, freie und gleiche Gesellschaft sollte sich dadurch auszeichnen, dass Frauen, ohne belästigt zu werden, tragen können, was sie wollen, weil sie – tada! – freie Menschen sind.

Zu behaupten, das Anlegen des Schleiers, das offene Bekenntnis also zur eigenen Unfreiheit – und sei es noch so empowered und stolz – wäre ausgerechnet als Ausdruck von Freiheit zu akzeptieren, spricht all jenen Frauen in der islamischen – und, wenn es nach Leuten wie Miriam geht, gesamten – Welt Hohn, denen es nicht gegeben ist, Unterdrückungsinstrumente als Teil selbstbewusster Identitätsfindung anzulegen. Gegenüber dem Freiheitsgerede äußerst widersprüchlich nimmt sich ein weiteres Argument Miriams gegen das Verschleierungsverbot aus:

Denn wisst ihr, was passiert, wenn muslimische Frauen nicht mehr vollverschleiert in die Öffentlichkeit dürfen? Sie bleiben zu Hause, statt den Schleier abzulegen.

Wo noch die Ahnung davon durchscheint, wie schnell der Schleier als symbolisches Gefängnis des weiblichen Körpers von seinem realen Pendant – der Wohnung – abgelöst wird, entsteht nicht etwa Potential zur Kritik des Islams als System, dass all diesen Formen der Unfreiheit der Frau zugrunde liegt, sondern die Aufforderung, den Trägerinnen von TschadorNiqabHidschab, Abaya und – das, mit Verlaub, nur in den Bergen Afghanistans – der Burqa doch wenigstens die Möglichkeit offen zu lassen, »alleine auf die Straße und zum Supermarkt […] zu [gehen …], Freund*innen zu treffen, einen Job zu ergreifen«. Wie gering sich dieser Anspruch ausnimmt, lässt kaum andere Schlüsse zu, als dass Leute wie Miriam an einem Freiheitsanspruch, der für alle Menschen unabhängig ihrer Herkunft gleichermaßen gilt, schlicht kein Interesse haben. Nur nebenbei sei an dieser Stelle auf die merkwürdige Ruhe hingewiesen, mit der eklatante Widersprüche unter gendersensibler Sprache begraben werden: Dass freiwillig (!) vollverschleierte Frauen alleine das Haus verlassen, um sich mit trans-, inter-, oder auch nur homosexuellen »Freund*innen« zu treffen, ist nichts anderes als Phantasie. Solches schließlich noch mit dem Beispiel Frankreichs, das nichts zeigt als das Ergebnis eines konservativen Islams, gegen dessen Einfluss im öffentlichen – gerade schulischen Bereich – zu lange nichts unternommen wurde, zu begründen, zeugt nur mehr von Ignoranz.

4. »Tipps zum Mit-nach-Hause-nehmen«

Wertvolle Tipps sind es, die der Text dem geneigten Leser zu guter Letzt mit auf den Weg zu geben weiß. So wird etwa empfohlen, Niqab-tragende Frauen auf der Straße doch einfach mal anzulächeln. Es liegt auf der Hand, dass von den Konsequenzen, die sich daraus zum einen für die solcherart Kontakt aufnehmende Person, vor allem aber auch für die ganzkörperverschleierte Frau ergeben, keine Erwähnung finden. Unschön wäre es schließlich, darauf hinzuweisen, wie klug es wäre, von solcher Interaktion ob des eifersüchtigen Mannes der Frau in unmittelbarer Nähe besser abzusehen. Der müsste schließlich nicht nur Menschen, die seinem verschleierten Eigentum zu nahe kommen, sondern in erster Linie seine Frau zurechtweisen: Offensichtlich war sie nicht verschleiert und zurückhaltend genug, um der stattfindenden Anbahnung von fitna  (Unruhe) und zina (Unzucht) vorzubeugen.