Alltagselend.

Deutsche Nachrichten.
Es hat – das ist immerhin bemerkenswert – nur zwei Wochen gedauert und ist jetzt endlich soweit:
Die Grünen wollen die »Herkunft der Köln-Täter doch diskutieren« (1).

Während man sich hier also wortwörtlich gezwungen sieht, die Gemütlichkeit des aufwändig gepflegten Kulturrelativismus für einen Moment beiseite zu schieben, hat der Spiegel in gewohnt wortgewandter Manier den nächsten Schritt bereits gemacht und fragt keck:
»Schneller abschieben – nur wie?« (2)

Sicher dauert es nicht allzu lang, bis auch die Grünen einsehen, dass – möglichst sofortige – Abschiebung hier die einzig angemessene Lösung schon allein deshalb darstellt, weil es wesentlich weniger schlimm ist, wenn Jungmännerbanden sich an Frauen vergreifen,die zum selben schützenswerten »Kulturkreis« gehören. Da kommt es nur gelegen, wenn die Große Koalition »die Maghreb-Staaten zu sicheren Herkunftsländern« erklären will und wieder mal verdeutlicht, was für eine lächerliche Farce diese Kategorie ist.

Zwei Beiträge auf Spiegel Online. Geballtes deutsches Elend. Einen Begriff indes, der doch so wichtig wäre, um sich jenseits des widerlichen Geredes über Herkunft, Nationalität, Kulturkreis und Abschiebung überhaupt einen Begriff davon zu machen, wovon man spricht, sucht man in beiden vergebens:

Islam.

Weit abgeschlagen in der Peripherie des Bedeutungslosen finden sich dazu Nachrichten wie:

»Diesen 62 Superreichen gehört so viel wie der halben Welt« (3), eine Fotoserie, die zur Suche nach Hakennasen einlädt, oder

»Pakistan: Teenager hackt sich wegen Blasphemie-Vorwurf die Hand ab« (4).

(1) http://www.spiegel.de/politik/deutschland/koeln-gruene-sehen-zusammenhang-zwischen-herkunft-der-taeter-und-grapsch-attacken-a-1072598.html
(2) http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fluechtlinge-aus-marokko-und-algerien-im-fokus-der-bundesregierung-a-1072599.html
(3) http://www.spiegel.de/wirtschaft/oxfam-diesen-62-superreichen-gehoert-so-viel-wie-der-halben-welt-a-1072576.html
(4) http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/pakistan-jugendlicher-hackt-sich-wegen-blasphemie-vorwurf-die-hand-ab-a-1072658.html

Man muss ja …

… meinetwegen nichts davon halten, bei jeder sich bietenden Gelegenheit Facebook-Profilfotos mit Regenbogen- oder anderen Farbfiltern zu versehen. Man kann wohl auch tatsächlich, ohne angesichts derart unmenschlicher Attentate auf Zivilisation, Leben und Lebensfreude auch nur mit der Wimper zu zucken, direkt dazu übergehen, sich über solche Gesten – und seien sie auch unbeholfen – zu mokieren. Wenigstens fragen sollte man sich dann allerdings, warum einem die bodenlose Barbarei nicht einmal mehr Angst macht, warum man nicht einmal eine Sekunde das Bedürfnis hat, angesichts der eigenen Ohnmacht in Tränen auszubrechen und wie zur Hölle man an einen Punkt kommen konnte, wo einem ebendiese Versuche, Entsetzen, Trauer und Angst auszudrücken, nurmehr selbstgefällige Verachtung abnötigen. Selbstverständlich ist man aber schon lange erfahrungsunfähig genug, um routiniert dazu überzugehen, sich umgehend mahnend, warnend und »kritisch hinterfragend« in Position zu bringen. Unfähig, zu verstehen, wieso in der eigenen Umgebung und in den Medien Leute wenigstens noch Restempfinden zum Ausdruck bringen, wenn die tödlichste Ideologie der Welt um sich schießt und sich dann selbst zerfetzt, um noch die letzten das Leben oder auch nur das Wochenende feiernden Kuffar mit in den Tod zu reißen, fordert man hämisch Solidarität etwa mit Beirut. Ganz, als drückte sich in dieser Forderung irgendetwas anderes aus als die Ablehnung der Solidarität – was auch immer man sich unter Solidarität in dieser Situation vorstellt – mit Paris und ganz, als hätte einen der Anschlag in Beirut oder gar irgendeines der täglichen Mordattentate in Israel auch nur im Geringsten interessiert, bevor man die Frage, wo denn jetzt die ganzen libanesischen Flaggen seien, als spöttisches Argument gegen die Anteilnahme für Paris ins Feld führen konnte. Besser kann man seinen Mangel an Furcht vor den djihadistischen Mordbanden wirklich nur noch ausdrücken, indem man wenige Stunden nach den Anschlägen, die maßgeblich einem Club galten, der wegen seiner »jüdischen (Vor-)Besitzer« ins Visier todessehnsüchtiger junger Männer geriet, Dinge schreibt wie »Ist ja wirklich schlimm, aber wesentlich mehr Angst (!) machen mir die anti-muslimischen Reaktionen, die jetzt folgen werden« oder, zum dreihundertsten Mal, darauf beharrt, mit dem Islam habe all das »nichts zu tun«.
Und man wird wieder nicht darüber reden wollen, warum das eben doch der Fall ist.

Jakob, Mehltau, Revolution.

Donnerstag für Donnerstag, immer wieder Augstein. Antisemit mit Kolumne auf der »führenden Nachrichten-Site im deutschsprachigen Internet«. Herausgeber der Wochenzeitung für jene deutschen Linksintellektuellen, die allen Ernstes an dem interessiert sind, was sich jemand wie Augstein unter »kritische[m] Journalismus aus Politik, Kultur und Gesellschaft« vorstellt.
Und jetzt: Wortführer der kommenden Revolution. Sieht er auch noch kein Gespenst umgehen in Europa, rumort es doch schon allerorten.
In Griechenland sah Augstein eine »progressive linke Bewegung« wachsen, während in Italien ein Clown »das gesamte politische System umgeworfen« hat. In Großbritannien schickt sich die Labour Party an, einen »richtigen, echten Linken« zu ihrem Vorsitzenden zu wählen. Einen solchen nämlich, der »keine Atomwaffen mag, der die Nato ablehnt, der Schulden nicht für den Weg des Teufels hält und Privatisierungen nicht für den Weg des Heils«, einen also, der wirklich verstanden hat, wie der Hase läuft. Als wäre das nicht schon genug, ist damit auch noch der fürchterlichen Anzugtragerei der Kampf angesagt:

Jeremy Corbyn trägt Schrubbelbart und Cordhosen und sieht aus wie ein Sozialkundelehrer.

Endlich jemand, der Augsteins antizivilisatorischen Geschmack nicht nur inhaltlich, sondern auch ganz äußerlich trifft. Endlich jemand, der nach echter Arbeit aussieht, der sich vielleicht auch mal die Hände schmutzig macht. Endlich einer, der kein »Anzugheld« ist, jemand, dem man die Arbeitsteilung nicht auf den ersten Blick ansieht, kurzum: Ein Mann des Volkes, ganz wie Jakob.
Der unterdessen sieht am Horizont den »Sturm« heranziehen, während das deutsche Volk noch schläft. Und doch ist er zuversichtlich. Die Unkenrufe des Establishements, die hoffnungslosen Versuche, die entstehende Bewegung in Verruf zu bringen, mögen andere täuschen, doch mit Sicherheit nicht ihn.

Die Populismus-Sirene ist der Alarm, den das konservative Establishment im Angesicht der neuen Bedrohung schlägt. Aber das ist ein Missverständnis. Denn der Populismus setzt die Kraft frei, die zur Erneuerung des beschädigten Systems notwendig ist. Die Politiker der Mitte verstehen nicht, was geschieht. Und sie fühlen es nicht.

Er fühlt sie, die Kraft, die zu verstehen revolutionären Geistern vorbehalten ist. Und dennoch: Träge ist die Masse, ungeformt, unzufrieden zwar, aber noch nicht revolutionär. Der »Aufstand der Ohnmächtigen«, begriffslose Versuche eines zurecht zornigen Volkes, dem nur bleibt, »der Politik den Rücken zu kehren oder sich gegen die ganze Politik zu wenden« – immerhin, »beides geschieht«. So kann es nur eine Frage der Zeit sein, bis aus der »Unzufriedenheit […] produktive Politik« wird, bis das Volk also erkennt, was zu tun ist auf dem Weg zur Revolution, den er, Jakob, schon so deutlich vor sich sieht:

Aber hoffentlich bläst auch hier bald ein frischer Wind den Mehltau fort, der das politische System erstickt.

Befreien muss, ja, wird sich Deutschland. Hinwegfegen wird es den Mehltau, den »Mehltau der Mitte«, den parasitären Befall – eine alternative Lesart lässt »Mehltau« nicht zu – durch jene »aristokratische Elite in Firmen, Finanzen und Verwaltung«, jene nebulösen Mächte, die sich dem entziehen, was Augstein »demokratische Kontrolle« nennt, wenn er an den Volkszorn denkt.
Und wenn es soweit ist, steht er bereit. Ein kühler Analyst, der sich nicht dumm machen lässt, ein Querdenker, der nicht nur weiß, dass diese Revolution »ihre Opfer« haben wird, sondern auch, wer diese sein werden und dass er ihnen »nicht zu viele Tränen hinterherweinen« wird. Ein kritischer Geist, der nicht müde wird, die Schurken nicht nur in Israel, sondern eben auch in der »neuen Aristokratie« zu enttarnen und zu benennen. Kein Anzugheld, ein bodenständiger, im Zweifel stets linker – und entgegen anderer Bezeichnungen ist an dieser Selbstbezeichnung nicht das Geringste auszusetzen – Kolumnist. Ein Antisemit, der eine Revolution kommen sieht, gegen die es noch jede »politische Mitte« zu verteidigen gilt.

Bombe, Augstein, Teheran.

Jakob Augstein kolumniert.
Während die Überschrift noch suggeriert, es ginge um etwas anderes als Israel, straft natürlich bereits der erste Satz des tatsächlichen Textes diese Annahme Lügen. Benjamin „Bibi“ Netanyahu hat schon wieder etwas angestellt, schreit er doch penetrant in die Welt, was ansonsten kaum jemand hören mag: Dass das bevorstehende Abkommen wenig mehr ist als Teer auf dem iranischen Weg zur Bombe, was aus israelischer Sicht existenziell bedrohlich ist.
Man könnte ihm, dem Schreihals, geradezu wünschen,  er würde einmal Ruhe geben und jemandem zuhören, der wirklich etwas von der Situation versteht: Jakob Augstein.
Ganz ruhig und abgeklärt, mit der ein oder anderen Spitze hier und da könnte der dann einiges zurechtrücken. Dass die iranischen Ambitionen im Angesicht der israelischen Angriffsdrohungen doch nachvollziehbar sind, könnte er ihm sagen. Dass man sich in Teheran von der Bombe in erster Linie Sicherheit verspricht und auch, dass Grund zur Sorge allenfalls die haben, die Irans eigentliche Feinde sind. Mit dem ihm eigenen analytischen Blick auf die Hintergründe könnte er ihm nach und nach begreiflich machen, dass er aufhören kann, herumzuschreien. Dass die eigentliche Gefahr doch so oder so nicht im Iran zu suchen ist, sondern in dem Land, das er selbst international isoliert hat, in Israel. Und sowieso – dass es sich, sollte hier wirklich jemand unberechenbar sein, doch um ihn handelt und nicht um die Despoten in Teheran.
Schließlich, und es würde kaum lange dauern, könnte er auch ihm, den er freundschaftlich Bibi nennt, nachdenklich die Frage stellen, ob die ganze Sache mit der Bombe denn wirklich so eine Katastrophe wäre. Vielleicht könnten sie sogar gemeinsam Schritte zur atomaren Entwaffnung Israels überlegen, nur so schließlich ließe sich nachhaltig Sicherheit schaffen. Natürlich hatte Augstein all die israelischen Vernichtungsdrohungen gegenüber dem Iran sowieso nie wirklich ernstgenommen. Dennoch könnte es nicht schaden, wenn sie noch einmal darüber reden würden.
Wenn sie soweit kommen würden – sie wären bestimmt eine Zeit lang gesessen – könnte er auch den wirklichen Kern der Sache ansprechen: die Sache mit der Logik.
So einfach wäre alles, würde der Schreihals vom toten Meer solch einfacher Logik folgen, wie es die vorbildlichen Despoten in Teheran tun. Er könnte ihn dazu bewegen, es zumindest in Erwägung zu ziehen. Er könnte auch tun, was er in der Kolumne nicht getan hat. Er könnte die Frage aufwerfen, warum ihn der immanente Gegensatz zwischen einfache Logik und Despoten in Teheran weder beim Schreiben, noch beim Veröffentlichen seines Plädoyers für die atomare Bewaffnung des irrational agierenden antisemitischen Terrorregimes der Islamischen Republik geschmerzt hat. Möglicherweise könnte es ihm sein Freund, Benjamin „Bibi“ Netanyahu, begreiflich machen. So laut er will.

taz: „Sind Juden hier noch sicher?“

Vor dem Hintergrund aktueller Ereignisse fragt die taz nach der Meinung ihrer Leserschaft zu der Frage, ob ‚Juden hier noch sicher‘ sind. Bei der Suche nach einer Antwort auf diese Frage kann hilfreich sein, eine persönliche Perspektive einzunehmen und ersetztend zu fragen: „Könnte ich bedenkenlos angetan mit Kippa oder anderen Symbolen bekennenden Judentums durch die Stadt laufen, in der ich lebe?“ Die Antwort hierauf gibt Aufschluss. Wer sich nicht vorstellen kann, frei von Angstgefühlen und Bedrohung im gesellschaftlichen Klima dieser Tage die gestellte Frage mit „Ja“ zu beantworten, erhält zum einen, wenn Nichtjude, einen minimalen Eindruck von Fragen, denen sich Juden in Deutschland und Europa unfreiwillig konstant ausgesetzt sehen und zum anderen die Antwort auf die weniger persönliche Frage nach der Sicherheit jüdischer Menschen in Deutschland.

Im Rahmen der zahlreichen Pro Gaza- beziehungsweise Anti Israel-Demonstrationen der letzten Wochen bis hin zum al-Quds-Tag, dem aus dem Iran stammenden jährlichen Feier- und Aktionstag gegen die Existenz Israels gab es im Kontext einer Stimmung, die teilweise nicht mit anderen Worten als „Lust aufs Pogrom“ zu beschreiben ist, diverse hervorstechende Ereignisse: Aus einer Demonstration heraus wurde in Berlin ein jüdisches Ehepaar – „identifiziert“ durch Kippa – angegriffen. In München wurden Journalisten, die von der demonstrierenden Menge zu Juden und Zionisten erklärt wurden, bedroht, bis sie sich von der Veranstaltung entfernen mussten. In Wuppertal wurde ein Brandsatz auf eine Synagoge geworfen. Währenddessen skandierten friedensbewegte Pro Gaza-Demonstranten Parolen wie „Jude, Jude, feiges Schwein“, „Kindermörder Israel“, „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“ und „From the river to the sea“. Die Frage, ob das Leben im öffentlichen Raum für jüdische Menschen in Deutschland dieser Tage als „sicher“ zu bezeichnen ist, kann vor diesem Hintergrund kaum ernsthaft und ehrlich mit „Ja“ beantwortet werden. Allerdings ist es notwendig, zu differenzieren. Wer in der Öffentlichkeit nicht als Jude auftritt, also auf eindeutige Erkennungszeichen verzichtet, reduziert die Gefahr, angegriffen zu werden, erheblich. Die Gefährlichkeit der Situation ist latent jederzeit gegenwärtig, der antisemitische Wahn jedoch unorganisiert und spontan im Ausbruch. Anders als in vergangenen Zeiten ist für Jüdinnen und Juden der Staat nicht Teil der Gefahr. Im Gegenteil: Jüdische Einrichtungen, von Synagogen über Gemeindehäuser bis hin zu Kindergärten werden von ihm geschützt. Nicht direkt besteht somit die Gefahr, ganz ohne eigenes Zutun als Jude erkannt und angegangen zu werden.

Allein aber, dass jüdisches Leben in Deutschland – nicht erst im Zuge der aktuellen politischen Entwicklung – nur unter konstant massivem Polizeischutz stattfinden kann, ist aussagekräftig genug und zeigt, dass die gegenwärtigen Ereignisse nicht Ausdruck eines neu entstandenen, sondern fortwährend vorhandenen Antisemitismus in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft sind. Die Tatsache, dass die Frage, ob Deutschland für Jüdinnen und Juden sicher ist, derzeit so offensichtlich angebracht ist, dass sie sich sogar der taz stellt, sollte klar machen, dass dem kaum so sein kann. Deutlich genug haben die letzten Wochen gezeigt, wie wenig das antiisraelische, antizionistische, antisemitische Ressentiment der Mitte der Gesellschaft ebenso wie das ihrer Randgruppen zum einen davor zurückschreckt, sich ständig selbst zu versichern, es sei nicht nur angebracht und richtig, sondern gar notwendig, Israel in Grund und Boden zu kritisieren, wenn man ihm einmal großzügig ein Recht auf Existenz und Selbstverteidigung zugesprochen hat, nur um danach klarzustellen, dass zweiteres Recht nach Möglichkeit keinesfalls zur Anwendung kommen darf und zum anderen nicht bereit ist, zwischen Israel und Juden in der Diaspora, in diesem Fall Deutschland, in irgendeiner Form zu trennen. Dementsprechend trifft dieses „Recht auf Israel-Kritik“, dessen sich die Gesellschaft mittlerweile absolut sicher wähnt, auch jüdische Menschen, die ausschließlich hier leben und mit den Ereignissen im Nahen Osten und Israel rein gar nichts zu tun haben, mit voller Wucht:

„Warum macht Ihr das?“

„Habt Ihr noch nie von Verhältnismäßigkeit gehört?“

„Auge um Auge, Zahn um Zahn? So werdet Ihr nie Frieden haben!“

„Habt Ihr denn gar nichts aus der Shoa gelernt?“

Zu keinem Zeitpunkt ist gewährleistet, nicht wahlweise für irgendein Kriegsverbrechen, das die israelische Armee angeblich begangen hat, oder irgendwelche Aussagen Naftali Bennets zur Rechenschaft gezogen zu werden. In Verbindung mit der unmittelbaren, in der Natur des antisemitischen Ressentiments liegenden emotional aufgeladenen Aggression von Anschuldigungen und Attacken schafft die oftmals unbewusste Identifikation, die zwischen hier lebenden Juden und Israel als Staat hergestellt wird und oftmals dazu führt, dass Menschen nichts anderes tun müssen, als einen David-Stern zu tragen, um als Kriegsverbrecher zu gelten, ein gesellschaftliches Klima, das durchgehend potentiell gefährlich ist. Zudem macht sie es Jüdinnen und Juden quasi unmöglich, dem Konflikt zu entgehen.

Vor diesem Hintergrund allerdings wie Daniel Bax in seinem „Kommentar deutscher Antisemitismus“ (ebenfalls taz) zu fordern, der Zentralrat der Juden in Deutschland solle sich „nicht ganz so rückhaltlos hinter die Politik der israelischen Regierung stellen, wie er das derzeit tut“, ist kein ernsthafter Ansatz zur Lösung, sondern Teil des Problems, das im Endeffekt die Unmöglichkeit, als Mensch jüdischen Glaubens normal und sicher in Deutschland zu leben, ausmacht: Von Juden zu fordern, sich vom jüdischen Staat zu distanzieren, unterstellt, dass diese Einfluss auf antisemitische Ressentiments hätten, ihr „richtiges“ Verhalten diese lindern könne und im Umkehrschluss ihr aktuell „falsches“ Verhalten (Mit-)Grund für die Existenz derselben sei. Zudem tut Bax, als wäre der anti-israelische Wind, der die Stimmung dieser Tage in Deutschland prägt, etwas, das so selbstverständlich, unproblematisch und logisch ist, dass Juden in Deutschland nur weit genug von Israel abrücken müssten, um sich aus der Schusslinie zu ziehen. „Rückhaltlos hinter der Politik Israels“ stehende Menschen, so scheint es, sind selbst schuld.

Desweiteren stellt er fest, „wer auf Demonstrationen gegen Antisemitismus israelische Fahnen mit sich trägt“, gerate in „Verdacht, dass es ihm eher um eine bedingungslose Solidarität mit Israel als mit deutschen Juden geht.“ Hierin liegt schlussendlich der Kern des Problems:

Solange in Deutschland Straßen Demonstrationen stattfinden, deren sowohl offener, als auch halbherzig verdeckter Antisemitismus nicht nur zum Himmel schreit, sondern bei jeder Gelegenheit Anstalten macht, vom Wort zur Tat zu werden und bei der versuchten Analyse dieser Ereignisse Autoren in gesellschaftlich einflussreichen Formaten wie der taz zu keinem anderen Ergebnis kommen, als dass das Zeigen israelischer Flaggen bei Protesten gegen diese Veranstaltungen doch eher unangenehm und wenig hilfreich ist, weil es den unsäglichen Eindruck, ja, Verdacht, erweckt, Menschen wollten tatsächlich „bedingungslose Solidarität mit Israel“ ausdrücken, ist es unmöglich, zu behaupten, das Leben in Deutschland wäre für Jüdinnen und Juden halbwegs sicher.

 

 

Gaza, das Bedürfnis nach dem „Recht auf Kritik“ und die antisemitische Einheitsfront

Während Demonstrationen, die unter Pro Gaza– und Friedens-Bannern stattfinden und – im Grunde schon auf den ersten Blick erkennbar – nichts anderes zum Wesen haben, als den Protest gegen Israel und seine Existenz im Ganzen, in Deutschlands und Europas Straßen stattfinden und eine Volksfront von linken, rechten und islamistischen Antisemiten durch Parolen wie „Jude, Jude, feiges Schwein […]“ oder „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“ ihr Bedürfnis nach Frieden auf der Welt kundtut, wälzt sich die Mitte der Gesellschaft im ewigen, selbstkonstruierten Narrativ ihres gefährdeten Anspruchs auf gerechtfertigte Israel-Kritik.

Müßig, festzustellen, was dieses Konstrukt gerechtfertigter Kritik im Endeffekt noch immer zum Ziel hatte, müßig, festzustellen, dass die zentrale Forderung deutscher und internationaler gerechtfertigter Kritik, nämlich die nach angemessenem Maß der israelischen Reaktion auf den anhaltenden Terror von Hamas, PIJ und al-Aqsa-Brigaden, eine ist, die jeglichen Bezug zur Realität missen lässt: Wenn IDF & IAF sich wahlweise tatsächlich nicht um zivile Opfer in Gaza scheren, diese begrüßen oder gar einen Genozid verüben wollen würden, hätten sie wesentlich weniger als 26 Tage gebraucht, um den Gaza-Streifen schlicht und einfach dem Erdboden gleich zu machen. Der einzig nachvollziehbare Grund für die Aktivierung von Bodentruppen im Rahmen der Operation Protective Edge, deren Einsatz nichts bewirken kann, was nicht auch die Airforce hätte erreichen können, aber die Gefahr und Realität eigener Gefallener zwingend mit sich bringt, ist der Versuch, ziviles Leben soweit wie möglich zu verschonen. Freilich hindert dieser Zusammenhang das fleißige Heer der empörten Gerechten, maßvollen Kritiker und Antisemiten nicht daran, die Bodenoffensive zur unmenschlichen Intensivierung der Kampfhandlungen zu erklären. Dass israelische Soldaten in Lebensgefahr gebracht werden, um eine Aufgabe auszuführen, deren Legitimität nicht ansatzweise in Zweifel gezogen werden kann – die Zerstörung von Tunneln zwischen Gaza und Israel, die die Durchführung von Terrorangriffen ermöglichen sollen – und die ebensogut, nur weniger rücksichtsvoll, von der Luftwaffe hätte erledigt werden können, ohne eigene Verluste zu riskieren, wird zum Inhalt des Vorwurfs der Maßlosigkeit. Dass währenddessen hunderttausende Tote, die auf das Konto von ISIL, des syrischen Regimes und anderer Terrorgruppen gehen, inklusive des aktuell zu befürchtenden Genozids an der yezidischen Minderheit in Irak und Syrien nicht einmal des Gesprächs wert sind, zwingt wohl oder übel zu der Feststellung, dass all die selbsternannten besorgten Freunde Israels von anderem getrieben werden, als der Sorge um das Schicksal der Bevölkerung von Gaza.

Spätestens seit aber die U.N. Israel „mögliche Kriegsverbrechen“ vorwerfen, die darin bestehen sollen, dass der Raketenabwehrschirm Iron Dome nicht mit Hamas – der Terrororganisation, die der hauptsächliche Gegner in sowohl aktuellen, als auch vergangenen kriegerischen Auseinandersetzungen ist – geteilt wird, ist wohl auch der letzte Rest an Hoffnung auf Logik und vernünftigen Diskurs zunichte gemacht.

Weniger müßig scheint die Betrachtung des antisemitischen Klimas in Deutschland und Europa, das zwar als solches nicht neu ist, in seiner Ausdrucksweise jedoch einen neuen Höhepunkt erreicht hat. Flächendeckend erkennen linke und rechte Judenhasser ideologische Gemeinsamkeiten nicht nur – wie schon im Zuge des mittlerweile wieder abgeflauten Hypes um die Montagsdemos – beieinander, sondern auch mit erstarkenden islamistischen Bewegungen. Linke Antiimperialisten und Neonazis sind zwar mehr oder weniger die letzten, die feststellen, dass ihre ideologischen Konstrukte schon immer aus zumindest ähnlichem Holz geschnitzt waren und wären, ginge es nur darum, ebenso zu belächeln, wie vorher, aber die handfesten Resultate, die die Manifestation der geeinten Volksfront, deren Speerspitze zu bilden sich zudem der radikale Islamismus bereitwillig zur Verfügung stellt, zeitigt, sind alles andere als harmlos und belustigend: Belagerung (Paris) von und Brandbomben-Angriff (Wuppertal) auf Synagogen, körperliche Übergriffe auf Juden (Berlin) und solche, die der Mob für solche hält (München) und der latente bis offene Geruch der Pogromstimmung, der die Aufläufe der „Allahu akbar“ und „From the river to the sea“ skandierenden Menschenmengen umweht, schaffen ein Klima, dessen Gefährlichkeit offensichtlich ist. Der offene oder wie auch immer gekleidete grassierende Antisemitismus der gegenwärtigen Situation ist so greifbar, dass auch unabhängig von entsprechenden Statements die Idee, mit Kippa auf dem Kopf durch Berlin zu laufen, zwangsweise gefährlich anmutet. Die – noch unbeholfenen – Anstalten des Mobs, die zum Erliegen gekommenen Bestrebungen von Deutschlands Großeltern unter dem Banner des Friedens wieder aufzunehmen, sind Grund genug zur Furcht.

Wenn man nun vor diesem Hintergrund, wie das Gros der zivilgesellschaftlichen Stimmen, in erster Linie darauf bedacht ist, sich genannten Anspruch auf gerechtfertigte Israel-Kritik nicht nehmen zu lassen, sollte man sich wenigstens eingestehen, dass man sich längst in den Chor der antisemitischen Internationale eingefügt hat. Andernfalls ist es dringend geboten, die den Kinderschuhen entwachsende Einheitsfront der Barbarei und die hierbei zentrale Rolle des Islamismus zu analysieren und zu benennen. Als Hoffnungsschimmer bleibt die Tatsache, dass Israel als jüdischer Staat und Schutzraum in seinem jetzigen und zukünftigen Bestehen auf das Wohlwollen von deutschen, europäischen, rechten, linken und islamistischen Kritikern weit weniger angewiesen ist, als diesen lieb sein kann.