Jakob, Mehltau, Revolution.

Donnerstag für Donnerstag, immer wieder Augstein. Antisemit mit Kolumne auf der »führenden Nachrichten-Site im deutschsprachigen Internet«. Herausgeber der Wochenzeitung für jene deutschen Linksintellektuellen, die allen Ernstes an dem interessiert sind, was sich jemand wie Augstein unter »kritische[m] Journalismus aus Politik, Kultur und Gesellschaft« vorstellt.
Und jetzt: Wortführer der kommenden Revolution. Sieht er auch noch kein Gespenst umgehen in Europa, rumort es doch schon allerorten.
In Griechenland sah Augstein eine »progressive linke Bewegung« wachsen, während in Italien ein Clown »das gesamte politische System umgeworfen« hat. In Großbritannien schickt sich die Labour Party an, einen »richtigen, echten Linken« zu ihrem Vorsitzenden zu wählen. Einen solchen nämlich, der »keine Atomwaffen mag, der die Nato ablehnt, der Schulden nicht für den Weg des Teufels hält und Privatisierungen nicht für den Weg des Heils«, einen also, der wirklich verstanden hat, wie der Hase läuft. Als wäre das nicht schon genug, ist damit auch noch der fürchterlichen Anzugtragerei der Kampf angesagt:

Jeremy Corbyn trägt Schrubbelbart und Cordhosen und sieht aus wie ein Sozialkundelehrer.

Endlich jemand, der Augsteins antizivilisatorischen Geschmack nicht nur inhaltlich, sondern auch ganz äußerlich trifft. Endlich jemand, der nach echter Arbeit aussieht, der sich vielleicht auch mal die Hände schmutzig macht. Endlich einer, der kein »Anzugheld« ist, jemand, dem man die Arbeitsteilung nicht auf den ersten Blick ansieht, kurzum: Ein Mann des Volkes, ganz wie Jakob.
Der unterdessen sieht am Horizont den »Sturm« heranziehen, während das deutsche Volk noch schläft. Und doch ist er zuversichtlich. Die Unkenrufe des Establishements, die hoffnungslosen Versuche, die entstehende Bewegung in Verruf zu bringen, mögen andere täuschen, doch mit Sicherheit nicht ihn.

Die Populismus-Sirene ist der Alarm, den das konservative Establishment im Angesicht der neuen Bedrohung schlägt. Aber das ist ein Missverständnis. Denn der Populismus setzt die Kraft frei, die zur Erneuerung des beschädigten Systems notwendig ist. Die Politiker der Mitte verstehen nicht, was geschieht. Und sie fühlen es nicht.

Er fühlt sie, die Kraft, die zu verstehen revolutionären Geistern vorbehalten ist. Und dennoch: Träge ist die Masse, ungeformt, unzufrieden zwar, aber noch nicht revolutionär. Der »Aufstand der Ohnmächtigen«, begriffslose Versuche eines zurecht zornigen Volkes, dem nur bleibt, »der Politik den Rücken zu kehren oder sich gegen die ganze Politik zu wenden« – immerhin, »beides geschieht«. So kann es nur eine Frage der Zeit sein, bis aus der »Unzufriedenheit […] produktive Politik« wird, bis das Volk also erkennt, was zu tun ist auf dem Weg zur Revolution, den er, Jakob, schon so deutlich vor sich sieht:

Aber hoffentlich bläst auch hier bald ein frischer Wind den Mehltau fort, der das politische System erstickt.

Befreien muss, ja, wird sich Deutschland. Hinwegfegen wird es den Mehltau, den »Mehltau der Mitte«, den parasitären Befall – eine alternative Lesart lässt »Mehltau« nicht zu – durch jene »aristokratische Elite in Firmen, Finanzen und Verwaltung«, jene nebulösen Mächte, die sich dem entziehen, was Augstein »demokratische Kontrolle« nennt, wenn er an den Volkszorn denkt.
Und wenn es soweit ist, steht er bereit. Ein kühler Analyst, der sich nicht dumm machen lässt, ein Querdenker, der nicht nur weiß, dass diese Revolution »ihre Opfer« haben wird, sondern auch, wer diese sein werden und dass er ihnen »nicht zu viele Tränen hinterherweinen« wird. Ein kritischer Geist, der nicht müde wird, die Schurken nicht nur in Israel, sondern eben auch in der »neuen Aristokratie« zu enttarnen und zu benennen. Kein Anzugheld, ein bodenständiger, im Zweifel stets linker – und entgegen anderer Bezeichnungen ist an dieser Selbstbezeichnung nicht das Geringste auszusetzen – Kolumnist. Ein Antisemit, der eine Revolution kommen sieht, gegen die es noch jede »politische Mitte« zu verteidigen gilt.

Bombe, Augstein, Teheran.

Jakob Augstein kolumniert.
Während die Überschrift noch suggeriert, es ginge um etwas anderes als Israel, straft natürlich bereits der erste Satz des tatsächlichen Textes diese Annahme Lügen. Benjamin „Bibi“ Netanyahu hat schon wieder etwas angestellt, schreit er doch penetrant in die Welt, was ansonsten kaum jemand hören mag: Dass das bevorstehende Abkommen wenig mehr ist als Teer auf dem iranischen Weg zur Bombe, was aus israelischer Sicht existenziell bedrohlich ist.
Man könnte ihm, dem Schreihals, geradezu wünschen,  er würde einmal Ruhe geben und jemandem zuhören, der wirklich etwas von der Situation versteht: Jakob Augstein.
Ganz ruhig und abgeklärt, mit der ein oder anderen Spitze hier und da könnte der dann einiges zurechtrücken. Dass die iranischen Ambitionen im Angesicht der israelischen Angriffsdrohungen doch nachvollziehbar sind, könnte er ihm sagen. Dass man sich in Teheran von der Bombe in erster Linie Sicherheit verspricht und auch, dass Grund zur Sorge allenfalls die haben, die Irans eigentliche Feinde sind. Mit dem ihm eigenen analytischen Blick auf die Hintergründe könnte er ihm nach und nach begreiflich machen, dass er aufhören kann, herumzuschreien. Dass die eigentliche Gefahr doch so oder so nicht im Iran zu suchen ist, sondern in dem Land, das er selbst international isoliert hat, in Israel. Und sowieso – dass es sich, sollte hier wirklich jemand unberechenbar sein, doch um ihn handelt und nicht um die Despoten in Teheran.
Schließlich, und es würde kaum lange dauern, könnte er auch ihm, den er freundschaftlich Bibi nennt, nachdenklich die Frage stellen, ob die ganze Sache mit der Bombe denn wirklich so eine Katastrophe wäre. Vielleicht könnten sie sogar gemeinsam Schritte zur atomaren Entwaffnung Israels überlegen, nur so schließlich ließe sich nachhaltig Sicherheit schaffen. Natürlich hatte Augstein all die israelischen Vernichtungsdrohungen gegenüber dem Iran sowieso nie wirklich ernstgenommen. Dennoch könnte es nicht schaden, wenn sie noch einmal darüber reden würden.
Wenn sie soweit kommen würden – sie wären bestimmt eine Zeit lang gesessen – könnte er auch den wirklichen Kern der Sache ansprechen: die Sache mit der Logik.
So einfach wäre alles, würde der Schreihals vom toten Meer solch einfacher Logik folgen, wie es die vorbildlichen Despoten in Teheran tun. Er könnte ihn dazu bewegen, es zumindest in Erwägung zu ziehen. Er könnte auch tun, was er in der Kolumne nicht getan hat. Er könnte die Frage aufwerfen, warum ihn der immanente Gegensatz zwischen einfache Logik und Despoten in Teheran weder beim Schreiben, noch beim Veröffentlichen seines Plädoyers für die atomare Bewaffnung des irrational agierenden antisemitischen Terrorregimes der Islamischen Republik geschmerzt hat. Möglicherweise könnte es ihm sein Freund, Benjamin „Bibi“ Netanyahu, begreiflich machen. So laut er will.