Fury.

Wir sind nicht wegen Recht oder Unrecht hier. Wir sind hier, um sie umzubringen.

Während Wardaddy mit dieser trockenen Feststellung insofern nur bedingt recht hat, als „umbringen“ und „Recht“ im Krieg gegen Nazideutschland Kategorien sind, die dazu tendieren, in eins zu fallen, macht er unmissverständlich klar, was nicht zu seiner und des Rests der Besatzung seines Shermans Mission gehört: „Unerträgliche US-Propaganda“, wie auch immer solche überhaupt aussehen sollte.
Die Auseinandersetzung mit der Mehrheit der Meinungsäußerungen zu David Ayers Fury (Herz aus Stahl), bei der dieser ständig wiederkehrende Vorwurf prominent ins Auge sticht, lässt tiefer in die vergrämte deutsche Seele blicken, als Spaß machen kann.

Fury als Film, der sich um die Besatzung eines in Deutschland kämpfenden amerikanischen Sherman-Panzers in der Endphase des zweiten Weltkriegs dreht, kommt, mit wenigen Ausnahmen, zum größten Teil ohne personalisierte Darstellungen von Deutschen aus. Während ein Wehrmachtssoldat, der nichts lieber will, als zurück zu seiner Familie zu kommen, zwei unschuldige Frauen und eine handvoll jugendlicher Soldaten darstellerisch kaum in der Lage sind, dem, was den alliierten Truppen auf deutschem Boden gegenüberstand, gerecht zu werden, verbringt der Film lange Zeit damit, die wachsende Verrohung der kämpfenden Soldaten anhand der Entwicklung des jungen Norman im Kontrast zum Rest der Besatzung nachzuzeichnen. In gnadenloser Länge wird die Chance zunichte gemacht, die Protagonisten, die nicht in der Lage sind, auch nur eine Stunde der Illusion von Normalität und Frieden zuzulassen, als eindimensionale Feel-Good-Helden zu begreifen.
Dem entsprechenden Vorwurf, linear heroische Army-Soldaten stünden als eindimensionale Helden deutschen Monstern gegenüber, kann nur entgegnet werden, dass hier eher das Gegenteil der Fall ist, können doch markige Sprüche und rohes Gehabe zu keinem Zeitpunkt – am allerwenigsten in ihren letzten Augenblicken – über das hinwegtäuschen, was in den Augen aller zentralen Charaktere offensichtlich ist: Die nie zu heilende Beschädigung im Innersten, die alle an diesem Krieg Beteiligten trifft.

Fühlst Du das? Das nennt sich Krieg.

Nur erahnen lässt sich indes, worin der Unterschied zwischen den alliierten Soldaten, die der Krieg nach und nach innerlich aushöhlt und ihren deutschen Gegnern in Wehrmacht, SS und Zivilbevölkerung eigentlich liegt:

Ich bin ein Feigling und wollte nicht für das deutsche Volk kämpfen.

Den alliierten Soldaten, deren menschlicher Halt vor dem Hintergrund des barbarischen Krieges, der der Welt von Deutschland aufgezwungen wurde, schwindet, steht eine Volksgemeinschaft im kollektiven Endzeittaumel gegenüber, willens und fähig, zu töten, wer nicht zu ihr gehören will, so er denn könnte und auf dem Höhepunkt der Verwirklichung der negativen Aufhebung der Zivilisation in der Shoa.
Statt der Feststellung, dass der omnipräsente Wahn der deutschen Mordgesellschaft so gut wie keinen Raum in der Handlung von Fury findet, bricht sich in der Mehrheit der hier zu findenden Kommentare der fast schon anrührende Wunsch Bahn, die deutschen Nazis als eine kriegsführende Partei unter anderen zu begreifen.
Man jammert, es mache keinen Sinn, dass das deutsche Feuer so wenige Army-Soldaten in den Tod reißt, während die Shermans ganze Bataillone zerfegen, im besten Fall, ohne sich bewusst zu sein, warum man in völliger Ignoranz der Filmhandlung die ständig drängende Sehnsucht nach deutschen Treffern verspürt.

Wir schicken fünf Panzer raus, einer kommt zurück.
Schwer zu glauben, dass wir den Krieg gewinnen.

Im Kontext einer Erzählung, deren Entwicklung auf den zahlreichen Verlusten der vorrückenden US Army aufbaut, um überhaupt erst zu der Situation, in der ein einzelner Sherman einer kompletten Kompanie der Waffen-SS gegenübersteht, kommen zu können, echauffiert man sich über einen deutschen Tiger-Panzer, der alleine drei Shermans frontal angreift. Indem kommentarlos hingenommen wird, dass das übermächtige deutsche Kettenmonster im Alleingang zwei amerikanische Panzer wegfegt, als wären es Matchbox-Autos, wird die taktische Unzulänglichkeit des dargestellten Vorgehens der Tiger-Besatzung angeprangert.
Vor dem historischen Hintergrund der Tatsache, dass Deutschland mitsamt seinen Tiger-Panzern schlussendlich unter der alliierten Übermacht zusammenbrach, ist die Aufregung über die inszenierte symbolische Niederlage des Deutschen Panzers nicht anders zu deuten, als impliziter Wunsch, es wäre doch anders gewesen.

Da es aber doch so war, bleibt nichts übrig, als der Versuch, an etwas zu rütteln, was vor Fury schon in zahllose andere Filme zum zweiten Weltkrieg projiziert wurde und so hasst man Wardaddy als Sinnbild des Kaugummi-kauenden, kulturfernen, flotte Sprüche klopfenden, rohen Army-Soldaten, der nicht anders kann, als die deutsche Götterdämmerung mit Stiefeln zu treten.
Während dem sympathischen Norman, der nur Schreibkraft hätte sein wollen und sich durch nichts als Zufall in der blutigen Welt der vordersten Front wiederfand, nicht erspart bleibt – tatsächlich wider jeden Realitätsbezug – sein deutsches Spiegelbild in einem jungen Soldaten der Waffen-SS, Deutschlands elitärster Mordbande, zu finden, fantasiert man von der Ungerechtigkeit in der Darstellung deutscher und amerikanischer Soldaten.
Während auch die Waffen-SS im Gesamten nur in Gestalt einer mittelmäßig gruseligen Sängertruppe dargestellt wird, der nicht mehr zu sagen einfällt, als „Das ist unser Land“, führt man Beschwerde über die unverhältnismäßige Verzerrung der Deutschen, die doch eigentlich auch nichts weiter wollten, als sich der bürgerlichen Zivilisation zu entledigen, ohne sich bewusst zu sein, dass die Frage nach der korrekten Darstellung von Verbänden der Waffen-SS nur die sein kann, ob ihre Barbarei entsprechend auf die Leinwand zu bringen wäre.

Hey, Du bist ’n Held Kumpel, weißt Du das?

Während in einem sehenswerten Film die Darstellung der Menschen, die im Kampf gegen Deutschland ihr Leben ließen, weit weniger heroisch ausfällt, als angebracht wäre und die Fahne, unter der sie kämpften, nicht einmal zu sehen ist, arbeitet man sich an Wardaddy und seiner Crew stellvertretend für ihre Entsprechungen in der Geschichte ab, um sie wenigstens im Nachhinein nicht sein zu lassen, was sie faktisch waren: Helden.