Alltagselend.

Deutsche Nachrichten.
Es hat – das ist immerhin bemerkenswert – nur zwei Wochen gedauert und ist jetzt endlich soweit:
Die Grünen wollen die »Herkunft der Köln-Täter doch diskutieren« (1).

Während man sich hier also wortwörtlich gezwungen sieht, die Gemütlichkeit des aufwändig gepflegten Kulturrelativismus für einen Moment beiseite zu schieben, hat der Spiegel in gewohnt wortgewandter Manier den nächsten Schritt bereits gemacht und fragt keck:
»Schneller abschieben – nur wie?« (2)

Sicher dauert es nicht allzu lang, bis auch die Grünen einsehen, dass – möglichst sofortige – Abschiebung hier die einzig angemessene Lösung schon allein deshalb darstellt, weil es wesentlich weniger schlimm ist, wenn Jungmännerbanden sich an Frauen vergreifen,die zum selben schützenswerten »Kulturkreis« gehören. Da kommt es nur gelegen, wenn die Große Koalition »die Maghreb-Staaten zu sicheren Herkunftsländern« erklären will und wieder mal verdeutlicht, was für eine lächerliche Farce diese Kategorie ist.

Zwei Beiträge auf Spiegel Online. Geballtes deutsches Elend. Einen Begriff indes, der doch so wichtig wäre, um sich jenseits des widerlichen Geredes über Herkunft, Nationalität, Kulturkreis und Abschiebung überhaupt einen Begriff davon zu machen, wovon man spricht, sucht man in beiden vergebens:

Islam.

Weit abgeschlagen in der Peripherie des Bedeutungslosen finden sich dazu Nachrichten wie:

»Diesen 62 Superreichen gehört so viel wie der halben Welt« (3), eine Fotoserie, die zur Suche nach Hakennasen einlädt, oder

»Pakistan: Teenager hackt sich wegen Blasphemie-Vorwurf die Hand ab« (4).

(1) http://www.spiegel.de/politik/deutschland/koeln-gruene-sehen-zusammenhang-zwischen-herkunft-der-taeter-und-grapsch-attacken-a-1072598.html
(2) http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fluechtlinge-aus-marokko-und-algerien-im-fokus-der-bundesregierung-a-1072599.html
(3) http://www.spiegel.de/wirtschaft/oxfam-diesen-62-superreichen-gehoert-so-viel-wie-der-halben-welt-a-1072576.html
(4) http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/pakistan-jugendlicher-hackt-sich-wegen-blasphemie-vorwurf-die-hand-ab-a-1072658.html

Nein, das ist kein Unterschied.

»[V]on euphorisch bis wütend, stets mit einer großen Portion Feminismus und Nerdigkeit« schreiben auf dem Blog kleinerdrei verschiedene – bekannte und weniger bekannte – Autorinnen und Autoren des deutschen Pop-Feminismus. In der Rubrik kleinergast erschien am 14. September ein Gastbeitrag. Unter dem Titel Dies ist keine Burka äußert eine Miriam, die laut Autorenbeschreibung Absolventin der Berliner Islamwissenschaft ist und als Kulturmanagerin in Saudi-Arabien lebt, ihre Ansichten zu verschiedenen Aspekten, die sie »an der deutschen Kopftuchdebatte nerven«.

1. Hidschab, Niqab, Burqa – Schleier, Schleier, Schleier

Als wäre es nicht völlig gleich, ob der Stoff, mit dem sich konservative Musliminnen verhüllen, blau oder schwarz ist, fühlt sich die Autorin zuvorderst angesichts gravierender Mängel im Kenntnisstand der deutschen Gesamtgesellschaft bezüglich Fragen der islamischen Garderobe gestört. Kaum weiß der durchschnittliche Kopftuch-Debattierende schließlich zwischen HidschabNiqab und Burqa, zwischen Abaya und Tschador zu differenzieren. Inmitten all der Aufregung über solches Unwissen, solchen Mangel an »kulturelle[r] Sensibilität«, der auch »einfach ein bisschen peinlich« ist, erübrigt es sich selbstredend, auch nur ein Wort über den Impetus all dieser verschiedenen Formen der Verschleierung zu verlieren. Einer quasi nebenbei vorgenommenen Übersetzung bleibt es so vorbehalten, auszusprechen, was man als Islamwissenschaftlerin und Absolventin mehrjähriger Arabisch-Kurse ebenso selbstverständlich zu wissen hat, wie man nicht in der Lage ist, es in seiner Bedeutung zu erfassen. Zugleich ist das Gesagte geeignet, mit der Beschwerde darüber, dass das Gros potentieller Gesprächspartner aus naheliegenden Gründen eben nicht Arabisch spricht, ein für alle mal aufzuräumen:

Die Worte Hidschab, Niqab und Burka [sic] kommen aus dem Arabischen und bedeuten alle »Schleier«.

Die Schlussfolgerung aus diesem völlig entbehrlichen Teil des Textes ist denn auch ebenso läppisch wie zutreffend, wobei die Gründe für letzteres andere sind als die, die die Autorin zugrundelegt:

Statt »Burka-Verbot« schlage ich daher vor, von einem »(Voll-)Verschleierungsverbot« oder einem »Gesichtsschleierverbot« zu sprechen.

Tatsächlich wäre der Begriff »Verschleierungsverbot« wohl wesentlich adäquater als der des Burqa-Verbots: Qua Beschränkung auf das nicht mehr zu steigernde Maximum der Verschleierung verkennt letzterer, dass die ideologischen und religiösen Grundlagen weder des Niqab, noch des Tschador oder des Hidschab – des ordinären Kopftuchs – sich maßgeblich von denen der Burqa unterscheiden. Mag die Intention des verschleiernden Kleidungsstücks sich in verschiedener Intensität praktisch manifestieren, so bleibt sie doch stets dieselbe: die »sichtbare Einhegung der Sünde« (Uli Krug). Über ein »Verschleierungsverbot« zu diskutieren, ein Solches zu erstreiten, wäre der Rede vom Burqa-Verbot also tatsächlich vorzuziehen. Unbenommen davon verspricht jedoch die verbreitete, von der Autorin so beklagte, Unkenntnis über all die wichtigen Abstufungen in der Intensität des Kampfes gegen das Individuum, Sorge dafür zu tragen, dass Begrifflichkeiten zweitrangig bleiben. Das weiß auch Miriam:

Die Politiker*innen, die ein »Burka-Verbot« fordern, sagen zwar »Burka«, meinen aber eigentlich irgendeine andere Art (oder alle Arten?!) der Verschleierung.

2. Religionsfreiheit und »Benachteiligung aus religiösen Gründen«

Neben aus derartigen Beiträgen bereits hinlänglich bekannten und dementsprechend erwartbaren argumentativen Nebelkerzen wie der absichtlich begriffslosen Gleichsetzung religiös motivierter Kopfbedeckungen und Ordenstrachten, die »auch in vielen anderen Religionen« vorkommen – dass sie einander deshalb noch lange nicht entsprechen, versteht sich eigentlich von selbst – pocht der zweite Teil des Textes auf »Religionsfreiheit«. Nur auf eines lohnt sich in diesem Zusammenhang hinzuweisen: Dass »das Grundgesetz […] eine Benachteiligung aus religiösen Gründen [verbietet]«, ist, nimmt man diesen Anspruch denn ernst, unmöglich als Argument für die Zulässigkeit welchen Verschleierungsutensils auch immer zu verstehen. Was anderes als ebendiese Benachteiligung aus religiösen Gründen ist es schließlich, das muslimische Mädchen erfahren, deren Eltern sie – gerade aufgrund mangelnder Verhüllung – von der Teilnahme am Sport- oder Schwimmunterricht ausnehmen? Einzig sinnvolle Konsequenz aus der Vorgabe des Grundgesetzes wäre, jene Eltern konsequent an der Benachteiligung der eigenen Kinder aus religiösen Gründen zu hindern. Essentiell wichtig in diesem Zusammenhang: Die Offenhaltung der staatlichen Institution, die die Schule darstellt, als Raum, in dem Kinder Anderes als die religiösen Vorstellungen der Eltern und ihrer Community zumindest kennenzulernen möglich ist. Das Bundesverfassungsgericht hat deutlich gemacht, dass es nicht gewillt ist, das zu tun. Zu überlegen wäre demnach, ob dieser Unwillen, muslimischen Kindern – notfalls an der Weigerung ihrer Eltern vorbei – ungeachtet der Religionszugehörigkeit zu gleichem Recht zu verhelfen, etwas anderes ist als Benachteiligung aus religiösen Gründen.

3. Verschleierungsverbot

Einschlägige Begriffe wie »kulturchauvinistisch« lassen die Auseinandersetzung mit dem Folgenden müßig erscheinen – zu oft schon hat sie stattgefunden. Die Intensität der Abwesenheit jeglicher Vorstellung von universeller Freiheit genauso wie Lust an der Unlust beziehungsweise der dreisten Unwahrheit der Behauptung, die Gründe muslimischer Frauen in Deutschland für das Tragen des Schleiers wären ausschließlich freiwilliger Natur, die die in Saudi-Arabien lebende (!) Islamwissenschaftlerin Miriam offenbart, scheint dennoch alarmierend:

Muslimische Frauen würden unterdrückt oder gezwungen, das Kopftuch zu tragen. Alles Quatsch.

Alles Quatsch. Mit Zwang hat das nichts zu tun. »Diese Sicht entspringt tief verwurzelten Stereotypen«. Interessant wäre, wo der Quatsch denn endet, dem bisher offensichtlich weder entsprechende Berichte diverser (Ex-)Musliminnen, noch – drastischer – Ehrenmorde etwas anhaben konnten.
Tatsächlich Quatsch sind indes die Gründe, die Miriam gegen ein Verbot des Schleiers ins Feld zu führen weiß.

Eine demokratische, sichere, freie und gleiche Gesellschaft sollte sich dadurch auszeichnen, dass Frauen, ohne belästigt zu werden, tragen können, was sie wollen, weil sie – tada! – freie Menschen sind.

Zu behaupten, das Anlegen des Schleiers, das offene Bekenntnis also zur eigenen Unfreiheit – und sei es noch so empowered und stolz – wäre ausgerechnet als Ausdruck von Freiheit zu akzeptieren, spricht all jenen Frauen in der islamischen – und, wenn es nach Leuten wie Miriam geht, gesamten – Welt Hohn, denen es nicht gegeben ist, Unterdrückungsinstrumente als Teil selbstbewusster Identitätsfindung anzulegen. Gegenüber dem Freiheitsgerede äußerst widersprüchlich nimmt sich ein weiteres Argument Miriams gegen das Verschleierungsverbot aus:

Denn wisst ihr, was passiert, wenn muslimische Frauen nicht mehr vollverschleiert in die Öffentlichkeit dürfen? Sie bleiben zu Hause, statt den Schleier abzulegen.

Wo noch die Ahnung davon durchscheint, wie schnell der Schleier als symbolisches Gefängnis des weiblichen Körpers von seinem realen Pendant – der Wohnung – abgelöst wird, entsteht nicht etwa Potential zur Kritik des Islams als System, dass all diesen Formen der Unfreiheit der Frau zugrunde liegt, sondern die Aufforderung, den Trägerinnen von TschadorNiqabHidschab, Abaya und – das, mit Verlaub, nur in den Bergen Afghanistans – der Burqa doch wenigstens die Möglichkeit offen zu lassen, »alleine auf die Straße und zum Supermarkt […] zu [gehen …], Freund*innen zu treffen, einen Job zu ergreifen«. Wie gering sich dieser Anspruch ausnimmt, lässt kaum andere Schlüsse zu, als dass Leute wie Miriam an einem Freiheitsanspruch, der für alle Menschen unabhängig ihrer Herkunft gleichermaßen gilt, schlicht kein Interesse haben. Nur nebenbei sei an dieser Stelle auf die merkwürdige Ruhe hingewiesen, mit der eklatante Widersprüche unter gendersensibler Sprache begraben werden: Dass freiwillig (!) vollverschleierte Frauen alleine das Haus verlassen, um sich mit trans-, inter-, oder auch nur homosexuellen »Freund*innen« zu treffen, ist nichts anderes als Phantasie. Solches schließlich noch mit dem Beispiel Frankreichs, das nichts zeigt als das Ergebnis eines konservativen Islams, gegen dessen Einfluss im öffentlichen – gerade schulischen Bereich – zu lange nichts unternommen wurde, zu begründen, zeugt nur mehr von Ignoranz.

4. »Tipps zum Mit-nach-Hause-nehmen«

Wertvolle Tipps sind es, die der Text dem geneigten Leser zu guter Letzt mit auf den Weg zu geben weiß. So wird etwa empfohlen, Niqab-tragende Frauen auf der Straße doch einfach mal anzulächeln. Es liegt auf der Hand, dass von den Konsequenzen, die sich daraus zum einen für die solcherart Kontakt aufnehmende Person, vor allem aber auch für die ganzkörperverschleierte Frau ergeben, keine Erwähnung finden. Unschön wäre es schließlich, darauf hinzuweisen, wie klug es wäre, von solcher Interaktion ob des eifersüchtigen Mannes der Frau in unmittelbarer Nähe besser abzusehen. Der müsste schließlich nicht nur Menschen, die seinem verschleierten Eigentum zu nahe kommen, sondern in erster Linie seine Frau zurechtweisen: Offensichtlich war sie nicht verschleiert und zurückhaltend genug, um der stattfindenden Anbahnung von fitna  (Unruhe) und zina (Unzucht) vorzubeugen.

Jakob, Mehltau, Revolution.

Donnerstag für Donnerstag, immer wieder Augstein. Antisemit mit Kolumne auf der »führenden Nachrichten-Site im deutschsprachigen Internet«. Herausgeber der Wochenzeitung für jene deutschen Linksintellektuellen, die allen Ernstes an dem interessiert sind, was sich jemand wie Augstein unter »kritische[m] Journalismus aus Politik, Kultur und Gesellschaft« vorstellt.
Und jetzt: Wortführer der kommenden Revolution. Sieht er auch noch kein Gespenst umgehen in Europa, rumort es doch schon allerorten.
In Griechenland sah Augstein eine »progressive linke Bewegung« wachsen, während in Italien ein Clown »das gesamte politische System umgeworfen« hat. In Großbritannien schickt sich die Labour Party an, einen »richtigen, echten Linken« zu ihrem Vorsitzenden zu wählen. Einen solchen nämlich, der »keine Atomwaffen mag, der die Nato ablehnt, der Schulden nicht für den Weg des Teufels hält und Privatisierungen nicht für den Weg des Heils«, einen also, der wirklich verstanden hat, wie der Hase läuft. Als wäre das nicht schon genug, ist damit auch noch der fürchterlichen Anzugtragerei der Kampf angesagt:

Jeremy Corbyn trägt Schrubbelbart und Cordhosen und sieht aus wie ein Sozialkundelehrer.

Endlich jemand, der Augsteins antizivilisatorischen Geschmack nicht nur inhaltlich, sondern auch ganz äußerlich trifft. Endlich jemand, der nach echter Arbeit aussieht, der sich vielleicht auch mal die Hände schmutzig macht. Endlich einer, der kein »Anzugheld« ist, jemand, dem man die Arbeitsteilung nicht auf den ersten Blick ansieht, kurzum: Ein Mann des Volkes, ganz wie Jakob.
Der unterdessen sieht am Horizont den »Sturm« heranziehen, während das deutsche Volk noch schläft. Und doch ist er zuversichtlich. Die Unkenrufe des Establishements, die hoffnungslosen Versuche, die entstehende Bewegung in Verruf zu bringen, mögen andere täuschen, doch mit Sicherheit nicht ihn.

Die Populismus-Sirene ist der Alarm, den das konservative Establishment im Angesicht der neuen Bedrohung schlägt. Aber das ist ein Missverständnis. Denn der Populismus setzt die Kraft frei, die zur Erneuerung des beschädigten Systems notwendig ist. Die Politiker der Mitte verstehen nicht, was geschieht. Und sie fühlen es nicht.

Er fühlt sie, die Kraft, die zu verstehen revolutionären Geistern vorbehalten ist. Und dennoch: Träge ist die Masse, ungeformt, unzufrieden zwar, aber noch nicht revolutionär. Der »Aufstand der Ohnmächtigen«, begriffslose Versuche eines zurecht zornigen Volkes, dem nur bleibt, »der Politik den Rücken zu kehren oder sich gegen die ganze Politik zu wenden« – immerhin, »beides geschieht«. So kann es nur eine Frage der Zeit sein, bis aus der »Unzufriedenheit […] produktive Politik« wird, bis das Volk also erkennt, was zu tun ist auf dem Weg zur Revolution, den er, Jakob, schon so deutlich vor sich sieht:

Aber hoffentlich bläst auch hier bald ein frischer Wind den Mehltau fort, der das politische System erstickt.

Befreien muss, ja, wird sich Deutschland. Hinwegfegen wird es den Mehltau, den »Mehltau der Mitte«, den parasitären Befall – eine alternative Lesart lässt »Mehltau« nicht zu – durch jene »aristokratische Elite in Firmen, Finanzen und Verwaltung«, jene nebulösen Mächte, die sich dem entziehen, was Augstein »demokratische Kontrolle« nennt, wenn er an den Volkszorn denkt.
Und wenn es soweit ist, steht er bereit. Ein kühler Analyst, der sich nicht dumm machen lässt, ein Querdenker, der nicht nur weiß, dass diese Revolution »ihre Opfer« haben wird, sondern auch, wer diese sein werden und dass er ihnen »nicht zu viele Tränen hinterherweinen« wird. Ein kritischer Geist, der nicht müde wird, die Schurken nicht nur in Israel, sondern eben auch in der »neuen Aristokratie« zu enttarnen und zu benennen. Kein Anzugheld, ein bodenständiger, im Zweifel stets linker – und entgegen anderer Bezeichnungen ist an dieser Selbstbezeichnung nicht das Geringste auszusetzen – Kolumnist. Ein Antisemit, der eine Revolution kommen sieht, gegen die es noch jede »politische Mitte« zu verteidigen gilt.

Bombe, Augstein, Teheran.

Jakob Augstein kolumniert.
Während die Überschrift noch suggeriert, es ginge um etwas anderes als Israel, straft natürlich bereits der erste Satz des tatsächlichen Textes diese Annahme Lügen. Benjamin „Bibi“ Netanyahu hat schon wieder etwas angestellt, schreit er doch penetrant in die Welt, was ansonsten kaum jemand hören mag: Dass das bevorstehende Abkommen wenig mehr ist als Teer auf dem iranischen Weg zur Bombe, was aus israelischer Sicht existenziell bedrohlich ist.
Man könnte ihm, dem Schreihals, geradezu wünschen,  er würde einmal Ruhe geben und jemandem zuhören, der wirklich etwas von der Situation versteht: Jakob Augstein.
Ganz ruhig und abgeklärt, mit der ein oder anderen Spitze hier und da könnte der dann einiges zurechtrücken. Dass die iranischen Ambitionen im Angesicht der israelischen Angriffsdrohungen doch nachvollziehbar sind, könnte er ihm sagen. Dass man sich in Teheran von der Bombe in erster Linie Sicherheit verspricht und auch, dass Grund zur Sorge allenfalls die haben, die Irans eigentliche Feinde sind. Mit dem ihm eigenen analytischen Blick auf die Hintergründe könnte er ihm nach und nach begreiflich machen, dass er aufhören kann, herumzuschreien. Dass die eigentliche Gefahr doch so oder so nicht im Iran zu suchen ist, sondern in dem Land, das er selbst international isoliert hat, in Israel. Und sowieso – dass es sich, sollte hier wirklich jemand unberechenbar sein, doch um ihn handelt und nicht um die Despoten in Teheran.
Schließlich, und es würde kaum lange dauern, könnte er auch ihm, den er freundschaftlich Bibi nennt, nachdenklich die Frage stellen, ob die ganze Sache mit der Bombe denn wirklich so eine Katastrophe wäre. Vielleicht könnten sie sogar gemeinsam Schritte zur atomaren Entwaffnung Israels überlegen, nur so schließlich ließe sich nachhaltig Sicherheit schaffen. Natürlich hatte Augstein all die israelischen Vernichtungsdrohungen gegenüber dem Iran sowieso nie wirklich ernstgenommen. Dennoch könnte es nicht schaden, wenn sie noch einmal darüber reden würden.
Wenn sie soweit kommen würden – sie wären bestimmt eine Zeit lang gesessen – könnte er auch den wirklichen Kern der Sache ansprechen: die Sache mit der Logik.
So einfach wäre alles, würde der Schreihals vom toten Meer solch einfacher Logik folgen, wie es die vorbildlichen Despoten in Teheran tun. Er könnte ihn dazu bewegen, es zumindest in Erwägung zu ziehen. Er könnte auch tun, was er in der Kolumne nicht getan hat. Er könnte die Frage aufwerfen, warum ihn der immanente Gegensatz zwischen einfache Logik und Despoten in Teheran weder beim Schreiben, noch beim Veröffentlichen seines Plädoyers für die atomare Bewaffnung des irrational agierenden antisemitischen Terrorregimes der Islamischen Republik geschmerzt hat. Möglicherweise könnte es ihm sein Freund, Benjamin „Bibi“ Netanyahu, begreiflich machen. So laut er will.

taz: „Sind Juden hier noch sicher?“

Vor dem Hintergrund aktueller Ereignisse fragt die taz nach der Meinung ihrer Leserschaft zu der Frage, ob ‚Juden hier noch sicher‘ sind. Bei der Suche nach einer Antwort auf diese Frage kann hilfreich sein, eine persönliche Perspektive einzunehmen und ersetztend zu fragen: „Könnte ich bedenkenlos angetan mit Kippa oder anderen Symbolen bekennenden Judentums durch die Stadt laufen, in der ich lebe?“ Die Antwort hierauf gibt Aufschluss. Wer sich nicht vorstellen kann, frei von Angstgefühlen und Bedrohung im gesellschaftlichen Klima dieser Tage die gestellte Frage mit „Ja“ zu beantworten, erhält zum einen, wenn Nichtjude, einen minimalen Eindruck von Fragen, denen sich Juden in Deutschland und Europa unfreiwillig konstant ausgesetzt sehen und zum anderen die Antwort auf die weniger persönliche Frage nach der Sicherheit jüdischer Menschen in Deutschland.

Im Rahmen der zahlreichen Pro Gaza- beziehungsweise Anti Israel-Demonstrationen der letzten Wochen bis hin zum al-Quds-Tag, dem aus dem Iran stammenden jährlichen Feier- und Aktionstag gegen die Existenz Israels gab es im Kontext einer Stimmung, die teilweise nicht mit anderen Worten als „Lust aufs Pogrom“ zu beschreiben ist, diverse hervorstechende Ereignisse: Aus einer Demonstration heraus wurde in Berlin ein jüdisches Ehepaar – „identifiziert“ durch Kippa – angegriffen. In München wurden Journalisten, die von der demonstrierenden Menge zu Juden und Zionisten erklärt wurden, bedroht, bis sie sich von der Veranstaltung entfernen mussten. In Wuppertal wurde ein Brandsatz auf eine Synagoge geworfen. Währenddessen skandierten friedensbewegte Pro Gaza-Demonstranten Parolen wie „Jude, Jude, feiges Schwein“, „Kindermörder Israel“, „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“ und „From the river to the sea“. Die Frage, ob das Leben im öffentlichen Raum für jüdische Menschen in Deutschland dieser Tage als „sicher“ zu bezeichnen ist, kann vor diesem Hintergrund kaum ernsthaft und ehrlich mit „Ja“ beantwortet werden. Allerdings ist es notwendig, zu differenzieren. Wer in der Öffentlichkeit nicht als Jude auftritt, also auf eindeutige Erkennungszeichen verzichtet, reduziert die Gefahr, angegriffen zu werden, erheblich. Die Gefährlichkeit der Situation ist latent jederzeit gegenwärtig, der antisemitische Wahn jedoch unorganisiert und spontan im Ausbruch. Anders als in vergangenen Zeiten ist für Jüdinnen und Juden der Staat nicht Teil der Gefahr. Im Gegenteil: Jüdische Einrichtungen, von Synagogen über Gemeindehäuser bis hin zu Kindergärten werden von ihm geschützt. Nicht direkt besteht somit die Gefahr, ganz ohne eigenes Zutun als Jude erkannt und angegangen zu werden.

Allein aber, dass jüdisches Leben in Deutschland – nicht erst im Zuge der aktuellen politischen Entwicklung – nur unter konstant massivem Polizeischutz stattfinden kann, ist aussagekräftig genug und zeigt, dass die gegenwärtigen Ereignisse nicht Ausdruck eines neu entstandenen, sondern fortwährend vorhandenen Antisemitismus in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft sind. Die Tatsache, dass die Frage, ob Deutschland für Jüdinnen und Juden sicher ist, derzeit so offensichtlich angebracht ist, dass sie sich sogar der taz stellt, sollte klar machen, dass dem kaum so sein kann. Deutlich genug haben die letzten Wochen gezeigt, wie wenig das antiisraelische, antizionistische, antisemitische Ressentiment der Mitte der Gesellschaft ebenso wie das ihrer Randgruppen zum einen davor zurückschreckt, sich ständig selbst zu versichern, es sei nicht nur angebracht und richtig, sondern gar notwendig, Israel in Grund und Boden zu kritisieren, wenn man ihm einmal großzügig ein Recht auf Existenz und Selbstverteidigung zugesprochen hat, nur um danach klarzustellen, dass zweiteres Recht nach Möglichkeit keinesfalls zur Anwendung kommen darf und zum anderen nicht bereit ist, zwischen Israel und Juden in der Diaspora, in diesem Fall Deutschland, in irgendeiner Form zu trennen. Dementsprechend trifft dieses „Recht auf Israel-Kritik“, dessen sich die Gesellschaft mittlerweile absolut sicher wähnt, auch jüdische Menschen, die ausschließlich hier leben und mit den Ereignissen im Nahen Osten und Israel rein gar nichts zu tun haben, mit voller Wucht:

„Warum macht Ihr das?“

„Habt Ihr noch nie von Verhältnismäßigkeit gehört?“

„Auge um Auge, Zahn um Zahn? So werdet Ihr nie Frieden haben!“

„Habt Ihr denn gar nichts aus der Shoa gelernt?“

Zu keinem Zeitpunkt ist gewährleistet, nicht wahlweise für irgendein Kriegsverbrechen, das die israelische Armee angeblich begangen hat, oder irgendwelche Aussagen Naftali Bennets zur Rechenschaft gezogen zu werden. In Verbindung mit der unmittelbaren, in der Natur des antisemitischen Ressentiments liegenden emotional aufgeladenen Aggression von Anschuldigungen und Attacken schafft die oftmals unbewusste Identifikation, die zwischen hier lebenden Juden und Israel als Staat hergestellt wird und oftmals dazu führt, dass Menschen nichts anderes tun müssen, als einen David-Stern zu tragen, um als Kriegsverbrecher zu gelten, ein gesellschaftliches Klima, das durchgehend potentiell gefährlich ist. Zudem macht sie es Jüdinnen und Juden quasi unmöglich, dem Konflikt zu entgehen.

Vor diesem Hintergrund allerdings wie Daniel Bax in seinem „Kommentar deutscher Antisemitismus“ (ebenfalls taz) zu fordern, der Zentralrat der Juden in Deutschland solle sich „nicht ganz so rückhaltlos hinter die Politik der israelischen Regierung stellen, wie er das derzeit tut“, ist kein ernsthafter Ansatz zur Lösung, sondern Teil des Problems, das im Endeffekt die Unmöglichkeit, als Mensch jüdischen Glaubens normal und sicher in Deutschland zu leben, ausmacht: Von Juden zu fordern, sich vom jüdischen Staat zu distanzieren, unterstellt, dass diese Einfluss auf antisemitische Ressentiments hätten, ihr „richtiges“ Verhalten diese lindern könne und im Umkehrschluss ihr aktuell „falsches“ Verhalten (Mit-)Grund für die Existenz derselben sei. Zudem tut Bax, als wäre der anti-israelische Wind, der die Stimmung dieser Tage in Deutschland prägt, etwas, das so selbstverständlich, unproblematisch und logisch ist, dass Juden in Deutschland nur weit genug von Israel abrücken müssten, um sich aus der Schusslinie zu ziehen. „Rückhaltlos hinter der Politik Israels“ stehende Menschen, so scheint es, sind selbst schuld.

Desweiteren stellt er fest, „wer auf Demonstrationen gegen Antisemitismus israelische Fahnen mit sich trägt“, gerate in „Verdacht, dass es ihm eher um eine bedingungslose Solidarität mit Israel als mit deutschen Juden geht.“ Hierin liegt schlussendlich der Kern des Problems:

Solange in Deutschland Straßen Demonstrationen stattfinden, deren sowohl offener, als auch halbherzig verdeckter Antisemitismus nicht nur zum Himmel schreit, sondern bei jeder Gelegenheit Anstalten macht, vom Wort zur Tat zu werden und bei der versuchten Analyse dieser Ereignisse Autoren in gesellschaftlich einflussreichen Formaten wie der taz zu keinem anderen Ergebnis kommen, als dass das Zeigen israelischer Flaggen bei Protesten gegen diese Veranstaltungen doch eher unangenehm und wenig hilfreich ist, weil es den unsäglichen Eindruck, ja, Verdacht, erweckt, Menschen wollten tatsächlich „bedingungslose Solidarität mit Israel“ ausdrücken, ist es unmöglich, zu behaupten, das Leben in Deutschland wäre für Jüdinnen und Juden halbwegs sicher.

 

 

Gaza, das Bedürfnis nach dem „Recht auf Kritik“ und die antisemitische Einheitsfront

Während Demonstrationen, die unter Pro Gaza– und Friedens-Bannern stattfinden und – im Grunde schon auf den ersten Blick erkennbar – nichts anderes zum Wesen haben, als den Protest gegen Israel und seine Existenz im Ganzen, in Deutschlands und Europas Straßen stattfinden und eine Volksfront von linken, rechten und islamistischen Antisemiten durch Parolen wie „Jude, Jude, feiges Schwein […]“ oder „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“ ihr Bedürfnis nach Frieden auf der Welt kundtut, wälzt sich die Mitte der Gesellschaft im ewigen, selbstkonstruierten Narrativ ihres gefährdeten Anspruchs auf gerechtfertigte Israel-Kritik.

Müßig, festzustellen, was dieses Konstrukt gerechtfertigter Kritik im Endeffekt noch immer zum Ziel hatte, müßig, festzustellen, dass die zentrale Forderung deutscher und internationaler gerechtfertigter Kritik, nämlich die nach angemessenem Maß der israelischen Reaktion auf den anhaltenden Terror von Hamas, PIJ und al-Aqsa-Brigaden, eine ist, die jeglichen Bezug zur Realität missen lässt: Wenn IDF & IAF sich wahlweise tatsächlich nicht um zivile Opfer in Gaza scheren, diese begrüßen oder gar einen Genozid verüben wollen würden, hätten sie wesentlich weniger als 26 Tage gebraucht, um den Gaza-Streifen schlicht und einfach dem Erdboden gleich zu machen. Der einzig nachvollziehbare Grund für die Aktivierung von Bodentruppen im Rahmen der Operation Protective Edge, deren Einsatz nichts bewirken kann, was nicht auch die Airforce hätte erreichen können, aber die Gefahr und Realität eigener Gefallener zwingend mit sich bringt, ist der Versuch, ziviles Leben soweit wie möglich zu verschonen. Freilich hindert dieser Zusammenhang das fleißige Heer der empörten Gerechten, maßvollen Kritiker und Antisemiten nicht daran, die Bodenoffensive zur unmenschlichen Intensivierung der Kampfhandlungen zu erklären. Dass israelische Soldaten in Lebensgefahr gebracht werden, um eine Aufgabe auszuführen, deren Legitimität nicht ansatzweise in Zweifel gezogen werden kann – die Zerstörung von Tunneln zwischen Gaza und Israel, die die Durchführung von Terrorangriffen ermöglichen sollen – und die ebensogut, nur weniger rücksichtsvoll, von der Luftwaffe hätte erledigt werden können, ohne eigene Verluste zu riskieren, wird zum Inhalt des Vorwurfs der Maßlosigkeit. Dass währenddessen hunderttausende Tote, die auf das Konto von ISIL, des syrischen Regimes und anderer Terrorgruppen gehen, inklusive des aktuell zu befürchtenden Genozids an der yezidischen Minderheit in Irak und Syrien nicht einmal des Gesprächs wert sind, zwingt wohl oder übel zu der Feststellung, dass all die selbsternannten besorgten Freunde Israels von anderem getrieben werden, als der Sorge um das Schicksal der Bevölkerung von Gaza.

Spätestens seit aber die U.N. Israel „mögliche Kriegsverbrechen“ vorwerfen, die darin bestehen sollen, dass der Raketenabwehrschirm Iron Dome nicht mit Hamas – der Terrororganisation, die der hauptsächliche Gegner in sowohl aktuellen, als auch vergangenen kriegerischen Auseinandersetzungen ist – geteilt wird, ist wohl auch der letzte Rest an Hoffnung auf Logik und vernünftigen Diskurs zunichte gemacht.

Weniger müßig scheint die Betrachtung des antisemitischen Klimas in Deutschland und Europa, das zwar als solches nicht neu ist, in seiner Ausdrucksweise jedoch einen neuen Höhepunkt erreicht hat. Flächendeckend erkennen linke und rechte Judenhasser ideologische Gemeinsamkeiten nicht nur – wie schon im Zuge des mittlerweile wieder abgeflauten Hypes um die Montagsdemos – beieinander, sondern auch mit erstarkenden islamistischen Bewegungen. Linke Antiimperialisten und Neonazis sind zwar mehr oder weniger die letzten, die feststellen, dass ihre ideologischen Konstrukte schon immer aus zumindest ähnlichem Holz geschnitzt waren und wären, ginge es nur darum, ebenso zu belächeln, wie vorher, aber die handfesten Resultate, die die Manifestation der geeinten Volksfront, deren Speerspitze zu bilden sich zudem der radikale Islamismus bereitwillig zur Verfügung stellt, zeitigt, sind alles andere als harmlos und belustigend: Belagerung (Paris) von und Brandbomben-Angriff (Wuppertal) auf Synagogen, körperliche Übergriffe auf Juden (Berlin) und solche, die der Mob für solche hält (München) und der latente bis offene Geruch der Pogromstimmung, der die Aufläufe der „Allahu akbar“ und „From the river to the sea“ skandierenden Menschenmengen umweht, schaffen ein Klima, dessen Gefährlichkeit offensichtlich ist. Der offene oder wie auch immer gekleidete grassierende Antisemitismus der gegenwärtigen Situation ist so greifbar, dass auch unabhängig von entsprechenden Statements die Idee, mit Kippa auf dem Kopf durch Berlin zu laufen, zwangsweise gefährlich anmutet. Die – noch unbeholfenen – Anstalten des Mobs, die zum Erliegen gekommenen Bestrebungen von Deutschlands Großeltern unter dem Banner des Friedens wieder aufzunehmen, sind Grund genug zur Furcht.

Wenn man nun vor diesem Hintergrund, wie das Gros der zivilgesellschaftlichen Stimmen, in erster Linie darauf bedacht ist, sich genannten Anspruch auf gerechtfertigte Israel-Kritik nicht nehmen zu lassen, sollte man sich wenigstens eingestehen, dass man sich längst in den Chor der antisemitischen Internationale eingefügt hat. Andernfalls ist es dringend geboten, die den Kinderschuhen entwachsende Einheitsfront der Barbarei und die hierbei zentrale Rolle des Islamismus zu analysieren und zu benennen. Als Hoffnungsschimmer bleibt die Tatsache, dass Israel als jüdischer Staat und Schutzraum in seinem jetzigen und zukünftigen Bestehen auf das Wohlwollen von deutschen, europäischen, rechten, linken und islamistischen Kritikern weit weniger angewiesen ist, als diesen lieb sein kann.

Fack ju, „Fack ju Göhte“.

Über sechs Millionen KinobesucherInnen, Einnahmen von deutlich über 40 Millionen Euro, durchweg positive Rückmeldung aus den Reihen des deutschen Feuilletons – Bora Dağtekins Fack ju Göhte begeistert Deutschland. Wo Daniel Kothenschulte in der Frankfurter Rundschau „befreiend-anarchisches Unterhaltungskino“ wie in „besten Zeiten“empfiehlt, sieht Caspar Busse von der Süddeutschen gar die „Rett[ung] d[er] gesamte[n] deutsche[n] Filmbranche“.

Warum? Handlung und Erzählweise des Films sind weder übermäßig spannend, noch innovativ. Das stellt an sich noch kein Problem dar, da es sich offensichtlich um eine Komödie handeln soll. Aber auch die genrespezifischen Mittel, die der Komödie zum Erfolg verhelfen sollen, sind zuallererst einfach: Überzeichnete Charaktere, die sich auf Stereotype beziehen, Brutalität und ein wenig Slapstick. Grobe Kenntnis von Handlung und Charakteren wird im Folgenden vorausgesetzt. Aus welchem Grund aber ist die Begeisterung von Kinopublikum und Kritik – überraschenderweise – so enorm?

Fack ju Göhte zeigt das Zusammentreffen eines Kleinkriminellen, der unabsichtlich zum Lehrer wird, mit einer vom Rest der Schule längst abgeschriebenen Klasse, der er zur Verwunderung aller Herr wird. Er schafft es, die Kids auf Linie zu bringen und kann ihnen vermitteln, was im Leben wichtig ist und wofür es sich zu lernen lohnt. Seine Methoden unterscheiden sich von denen anderer, herkömmlicher Lehrkräfte vorallem durch anfängliches Desinteresse, nicht vorhandene pädagogische Motivation, sprachliche und allgemeine Rohheit, die mit der der SchülerInnen zumindest gleichzieht und körperliche Gewalt. Dazu mischt sich eine alles andere als überraschend verlaufende Liebesgeschichte, die sich nahtlos in die ewige Tradition der Stories von Machos, die auf Frauen treffen, die von ihnen – und damit der Masse des Publikums – als zunächst unattraktiv, im Verlauf aber immer interessanter wahrgenommen werden, was in gegenseitiger Liebe gipfelt, die die beiden Personen dazu bringt, sich gegenseitig ein wenig anzupassen. Diese hat allerdings mit dem wichtigsten Aspekt des Films und seiner Charaktere, dem Aspekt, der Deutschland in kollektives Jubeln versetzt, nur bedingt zu tun. Moritz von Uslar in der Zeit kommt beim Versuch, diesen Aspekt zu fassen, zu folgender Formulierung:

[…] natürlich, die Wucht, die Härte, der Bums, die absolute Zeitgemäßheit und Gegenwärtigkeit der Sprache.

Die Sprache von Fack ju Göhte, die Tatsache, dass diese Sprache die nicht nur der Abgehängten, der SchülerInnen der Klasse 10b, sondern auch die des Protagonisten, ihres vom Zufall gebrachten neuen Lehrers Zeki Müller, ist, sorgt für Freude, Heiterkeit und will laut Zeit

beim Zuschauer mit der denkbar brachialsten Sprache um Vertrauen werben.

Die identifizierte „Botschaft an den jugendlichen Zuschauer“ (ebd.):

Wir kennen dich. Wir wissen, wie du und deine Freunde miteinander reden,
und wir sprechen dieselbe Sprache. Also lehn dich zurück, und genieß diesen Film.“

Zum Ausdruck kommt die Vorstellung, Fack ju Göhte begebe sich in die Welt einer offensichtlich völlig verdorbenen Jugend, die sich erst verstanden fühlt und Vertrauen fasst, wenn Sätze wie

Halt’s Maul. Und fick ’ne Nutte für mich mit.

„Heb dir das Gelutsche für die Kundschaft auf. Wo ist die Kohle?“

„Geh putzen, und danach kannst du mir einen blasen.“

oder

Friss nicht so viel. Oder willst du als Jungfrau sterben?

(in Richtung einer einzelnen Schülerin) im selben Atemzug wie

Ihr seid Abschaum. Und jetzt Fresse halten und sitzen bleiben, bis es vorbei ist.

(an die ganze Klasse gerichtet) fallen. Die Begeisterung über die im Film dargestellte Ausdrucksweise bricht sich im Feuilleton Bahn:

[…] grobes, derbes, plastisches, wunderbar falsches Deutsch, das aber auf Anhieb einleuchtet und richtig klingt: Kiezdeutsch, cooles Deutsch, Locker-Deutsch,
Asi-Deutsch, Multikulti-Deutsch, Balkan-Deutsch, kreolisches Deutsch.

[…] verbale Grobheiten immer wieder als Tusch und Fanfare einzusetzen.

Es ist, Entschuldigung, großes Kino, dass Chantal „Geisterkranker“, nicht „Geisteskranker“ sagt […]

Zeit, ebd. Moritz von Uslar schließt seine Gedanken zum Sprachniveau des Films mit nicht weniger tragenden Worten als

so unergründlich falsch und rätselhaft schön sprechen deutsche Jugendliche.

Pathetisch bringt er zum Ausdruck, was 6 Millionen deutschen ZuschauerInnen ein wohliges Gefühl verschafft: Die im Film propagierte Angleichung tradierter Gegensätze und unterschiedlicher Rollenbilder in der Gesellschaft am Paradebeispiel Lehrer – Schüler. In offensiver Abgrenzung von überalteten Vorstellungen von LehrerInnen, die in der Rolle der jungen Referendarin Lisi Schnabelstedt ermüdend übertrieben dargestellt werden, gelingt  Zeki Müller allein auf Basis seines Sprachniveaus, das dem von Moritz von Uslar so angenehmen in nichts nachsteht, quasi unabsichtlich, was diesen stets verwehrt war: Die Schaffung von Zugang zu und Kommunikation auf Augenhöhe mit jungen Menschen, deren Stand in der Gesellschaft kein besonders guter zu werden verspricht. Symbolisch für die Ablösung des alten Wegs steht für den Teil des Publikums, dem Lisi Schnabelstedt noch nicht deutlich genug ist, die vormalige Lehrerin der Klasse 10b, Ingrid Leimbach-Knorr, deren Unfähigkeit, mit der Jugend umzugehen, sie zum versuchten Suizid durch Sprung aus dem Fenster eines Klassenzimmers verleitet. Allein Zeki Müller, der keine Gelegenheit auslässt, seine Schüler „Spast“ oder „Wichser“ zu nennen, erreicht diese und erlangt Respekt. Neben fragwürdigen Ansichten zum Thema pädagogische Gewalt, vermittelt in Form von Eltern, die sich dankbar zeigen, wenn ihre Kinder endlich mal eins hinter die Löffel kriegen und schon allein durch absolute Unreflektiertheit absolut satirefernem Sexismus, der sowohl im Verhalten Zeki Müllers als auch in den Reaktionen anderer Akteure, besonders der erwähnten Lisi Schnabelstedt, die der Anblick von Zekis entblößtem Oberkörper alle vorhergegangene Abneigung vergessen macht, angelegt ist, wird vorallem eine Botschaft transportiert:

Unabhängig von Rohheit und Bildungsferne können alle „etwas aus sich machen“. Als keineswegs schön, sondern vielmehr hochproblematisch entpuppt sich diese Botschaft bei der Analyse der Beschaffenheit dieses „etwas aus sich machens“, das in keinem Zusammenhang mit Bildung oder menschlicher Weiterentwicklung steht, sondern sich einzig und allein um die Erkenntnis dreht, dass es wichtig ist, sich in der Schule Mühe zu geben, wenn man nicht als „Abschaum“ (Zeki Müller) enden will. Deutlich gemacht wird die Wichtigkeit dieser Tatsache den SchülerInnen durch einen Klassenausflug, der entgegen ihrer Befürchtungen „nicht schon wieder ins KZ“ (Danger), sondern zu menschlichen Beispielen für abzulehnende Lebensweisen, führt. Diese sind ein Junkie, der röchelnd und kotzend auf einer dreckigen Matratze liegt, ein Nazi, der mittags noch schläft, weil er nicht arbeitet, sondern nur viel Bier trinkt und zwei Hartz4-Empfänger, die ebenfalls vormittags Dosenbier trinken und sich nicht im Ansatz dafür interessieren, dass ihr Hund vor versammelter Klasse auf den Teppich kackt. Zeki befreit die SchülerInnen quasi nebenbei von der längst obsoleten Beschäftigung mit den historischen Auswüchsen der deutschen Gesellschaft – KZ-Besuch (Sinn und Unsinn von Klassenausflügen in Gedenkstätten sei hier dahingestellt – vgl. Broder – Vergesst Auschwitz!) – und zeigt ihnen stattdessen etwas, das für sie relevant ist: Die unliebsamen Elemente der deutschen Arbeitsgesellschaft, deren bloßer Anblick ausreicht, um die Klasse zu schockieren und zu motivieren. Die SchülerInnen danken es ihm durch gesteigertes Interesse an ihrer Zukunft, verbildlicht in teuren Autos und Ähnlichem. Dass Chantal ihn noch wenig vorher bei absolutem geschichtlichen Desinteresse als „Faschist“ beschimpft hat, stellt nur ein Beispiel mehr dafür dar, dass die Benutzung von Worten völlig abgekoppelt von deren Bedeutung in Fack ju Göhte mehr als standartisiert ist.

Die Entwicklung der SchülerInnen kommt schließlich zum Höhepunkt, als Zeki Müller den altmodischen Lehrer der schulischen Theater-AG, dessen beleidigtes Abtreten lächerlich überzeichnet ist und deutlich macht, dass dessen Vorstellung von Kunst und Kultur mehr als überkommen ist, ablöst und mit seiner Klasse Romeo und Julia inszeniert. Zur großen Freude sowohl der SchülerInnen, als auch sämtlicher Lehrkräfte und anderer ZuschauerInnen wird hierbei – wie sollte es anders sein – kein Wert mehr auf die unnötig gestelzte Sprache Shakespeares gelegt:

Julia, du Fotze, ich will ficken. Zack, Zack. Zeig’ mal Möpse.

Was all die altmodischen LehrerInnen vor Zeki Müller bis zur Aufgabe zermürbt hat, nämlich der Versuch, der verrohten und völlig bildungsfernen Jugend Geistiges zu vermitteln, hält diesen keine Sekunde auf. Instinktiv weiß er, was zu begreifen die anderen nicht in der Lage waren: Für die Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt, die das finale und einzig relevante Ziel der Bearbeitung der Jugend darstellt, spielt unnötiger Geist keine Rolle. Um als verwertbares Element Teil der deutschen Arbeitsgesellschaft zu werden, tut es schlicht nicht Not, Goethes Faust zu durchdenken.

Für diese zentrale, einzige Erkenntnis, die überfällige, offensive Begrüßung der Geistlosigkeit, eingebettet in endlose Massen schlechter Witze, unangenehmer Sprache und sexistischer Rollenbilder und für die Befreiung von unangenehmen historischen Lasten verehrt Deutschland Zeki Müller. Menschen, die sich die Mühe machen, nur ein wenig über die gedankliche Flachheit von Fack ju Göhte hinauszudenken, haben allen Grund, diese Nation, die befreiter noch lacht als über die Feuerzangenbowle von 1944, zu fürchten.